Die Debattenkultur auf sozialen Plattformen wie TikTok, Instagram und X steht zunehmend in der Kritik. Was als Chance für marginalisierte Stimmen begann, scheint sich immer mehr zu einer „Empörungsmaschine“ zu entwickeln. In der ersten Folge des neuen Videopodcasts „Redebedarf“ der Bildungsstätte Anne Frank diskutierten Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte, und ZEIT-Online-Redakteurin Yasmine M’Barek über die Mechanismen von Shitstorms, den wachsenden Positionierungsdruck und die Rolle der Tech-Konzerne.
Die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie Laut Yasmine M’Barek folgen digitale Debatten einer vorhersehbaren Logik, die durch die Algorithmen der Plattformen befeuert wird. Emotionale Zuspitzung und Polarisierung erzielen die höchste Interaktion, was wiederum den Profit der Betreiber steigert. „Es ist eine klassische Logik der Aufmerksamkeitsökonomie“, so M’Barek. Dies führe dazu, dass differenzierte Positionen kaum noch Gehör finden, während „Rage Bait“ und überemotionalisierte Inhalte dominieren.
Meron Mendel vergleicht die aktuelle Situation mit einem Marktplatz, auf dem sich die Menschen gegenseitig anschreien. Besonders kritisch sieht er die Überemotionalisierung. Es gehe oft nicht mehr um inhaltliche Argumente, sondern um Bauchgefühle, Verletzungen und Anklagen. Dieser Trend verstärke die Spaltung der Gesellschaft und erschwere einen konstruktiven Austausch.
Positionierungsdruck und „Chilling Effect“ Ein zentrales Thema der Diskussion war der zunehmende Druck, sich zu jedem globalen Ereignis sofort positionieren zu müssen. Mendel warnt in diesem Zusammenhang vor einem „Chilling Effect“ innerhalb von Institutionen: Aus Angst vor einem Shitstorm oder „Callouts“ würden kontroverse Themen gemieden oder Veranstaltungen vorsorglich abgesagt. Dies sei eine Gefahr für die Demokratie, da gerade dort, wo Reibung nötig wäre, das Gespräch verstumme.
Mendel plädiert daher für mehr Standhaftigkeit: „Noch schlimmer als die Vorsichtigkeit bei Einladungen ist das Einknicken bei Ausladungen.“ Institutionen müssten inhaltliche Klarheit bewahren und auch Meinungen aushalten, die moralisch problematisch erscheinen, um die eigene Urteilskraft zu schärfen.
Akademisierung vs. Lebensrealität Ein weiterer Kritikpunkt galt der zunehmenden Akademisierung der Debatten. Begriffe wie „BIPoC“ oder komplexe Gender-Diskussionen seien oft weit entfernt von der Lebensrealität vieler Menschen. Während in sozialen Medien intensiv über Begrifflichkeiten gestritten werde, blieben strukturelle Probleme wie soziale Ungleichheit oder Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt oft unsexy Randthemen. Mendel betont, dass die Fokussierung auf sprachliche Feinheiten oft ein Privileg derer sei, die die Zeit und Bildung für solche Diskurse hätten.
Forderung nach Regulierung Um den digitalen Raum wieder als konstruktiven Diskursort zu gewinnen, sehen die Experten die Politik in der Pflicht. Mendel fordert eine stärkere Regulierung der Plattformen, insbesondere die Offenlegung der Algorithmen. Nur so könne transparent gemacht werden, welche Inhalte warum gepusht werden. M’Barek ergänzt, dass auch technische Lösungen, wie das automatisierte Löschen von eindeutigen Hasskommentaren oder antisemitischen Beleidigungen, konsequenter umgesetzt werden müssten.
Mehr unter: www.bs-anne-frank.de





