Während des Kaiserreichs erlebte der Rammelsberg eine radikale Modernisierung. Nach der Entdeckung des „Neuen Lagers“ im Jahr 1859 und der Übernahme durch Preußen und Braunschweig im Jahr 1866 stieg die Förderleistung innerhalb weniger Jahrzehnte von 20.000 auf 60.000 Tonnen pro Jahr. Neue Dampfmaschinen, maschinelles Bohren und moderne Schachtanlagen wie der Richtschacht prägten das Bild. Doch diese Effizienzsteigerung ging zu Lasten der Bergleute: Die Arbeitsintensität stieg massiv an, was sich in einer Zunahme von Krankheitsfällen und Invalidität widerspiegelte.
1907: Die Bergleute begehren auf
Lange Zeit galt die Harzer Bergebelegschaft als „friedlich“ und wenig streikbereit. Das änderte sich im Sommer 1907, als die massiv steigenden Lebensmittelpreise die Existenz vieler Familien bedrohten. Während ein Bergarbeiter im Ruhrgebiet durchschnittlich 1.402 Mark im Jahr verdiente, lag das Einkommen am Rammelsberg oft unter 1.000 Mark.
In dieser Notlage organisierten sich die Arbeiter im „Gewerkverein christlicher Bergarbeiter“. In einer historischen Versammlung im Forsthaus Goslar wurden zentrale Forderungen an die Werksleitung gestellt:
- 15 % Lohnerhöhung zum Ausgleich der Teuerung.
- Verkürzung der Arbeitszeit auf 9 Stunden inklusive Ein- und Ausfahrt.
- Verbesserter Arbeitsschutz und reines Trinkwasser unter Tage.
- Freie Arztwahl, da das Vertrauen in den Knappschaftsarzt fehlte.
- Bau einer modernen Waschkaue (Umkleideraum).
Verhandlung statt Streik
Interessanterweise kam es am Rammelsberg – im Gegensatz zum Ruhrgebiet – nie zu einem offenen Streik. Die christliche Gewerkschaft setzte auf soziale Partnerschaft statt auf Klassenkampf. Trotz der harten Haltung der preußischen Verwaltung, die Gewerkschaftsvertreter zunächst ignorierte und die Kläger als „träge“ abtat, zeigten die Verhandlungen Wirkung. Zum 1. September 1907 wurden die Löhne moderat angehoben, und man versprach den Bau einer modernen Waschkaue, die schließlich 1912 fertiggestellt wurde.
Warum es im Harz ruhig blieb
Historiker führen die relative Ruhe am Rammelsberg oft auf die „Bodenständigkeit“ der Bergleute zurück. Viele besaßen ein kleines Haus oder Gartenland zur Selbstversorgung, was das Risiko eines Streiks, der oft den Verlust der Werkswohnung bedeutete, zusätzlich erhöhte. Zudem war der Betrieb mit rund 400 Arbeitern vergleichsweise klein und für große, radikale Gewerkschaften aus dem Ruhrgebiet weniger attraktiv.
Die Geschichte der Arbeiterbewegung am Rammelsberg zeigt eindrucksvoll, dass Fortschritt im Kaiserreich nicht nur aus Dampfmaschinen und Förderzahlen bestand, sondern ein ständiger Aushandlungsprozess um Würde und Existenzsicherung war.
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