Dandys, Dekadenz und die Moderne: Edward W. Godwin und Oscar Wilde im Bröhan Museum

Das Bröhan-Museum in Berlin widmet sich zwei Ikonen des britischen Ästhetizismus. Die Ausstellung beleuchtet das radikale „L’Art pour l’Art“-Prinzip, das nicht nur die Kunst, sondern das gesamte Leben – von der Mode bis zum Möbeldesign – durchdrang.

Wer das Bröhan-Museum betritt, begegnet zwei Protagonisten des sogenannten Aesthetic Movement: dem vielseitigen Gestalter Edward William Godwin und dem Schriftsteller Oscar Wilde, der als eine Art „Geist“ durch die Kuratierung führt.

Eine Gegenbewegung zu Normen und Empire

Der britische Ästhetizismus des 19. Jahrhunderts entstand inmitten einer ambivalenten Zeit. Während das British Empire seine Vormachtstellung feierte, prallte extremes soziales Elend auf eine glanzvolle High Society. Die Bewegung um Godwin und Wilde verstand sich als radikaler Gegenentwurf zu den strengen gestalterischen Normen der Zeit, wie sie etwa im Gothic Revival oder der Arts and Crafts-Bewegung gepflegt wurden.

Godwin: Der vergessene Wegbereiter der Moderne

Edward William Godwin war weitaus mehr als ein bloßer Dekorateur. Er verstand sich als Archäologe, Journalist und Künstler. Seine Entwürfe waren für die damalige Zeit revolutionär:

  • Früher Minimalismus: Ein Sideboard von 1867, das fast nur aus schwarzen Linien und Rechtecken besteht, nimmt die Formensprache des Bauhauses um fast 20 Jahre vorweg.
  • Eklektizismus: Godwin bediente sich frei an maurischen, griechischen, ägyptischen und vor allem japanischen Formen, um etwas völlig Neues zu synthetisieren.
  • Maschinenproduktion: Anders als die Arts and Crafts-Bewegung verweigerte sich Godwin nicht der Industrie, sondern designte bereits Möbel gezielt für die maschinelle Fertigung.

Oscar Wilde und der Kult der Schönheit

Während Godwin die Formen schuf, war Oscar Wilde das Gesicht dieser Bewegung. Er feierte den Ästhetizismus nicht nur in seiner Literatur, sondern in seinem gesamten Lebensstil und seiner Selbstinszenierung. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die Rekonstruktion von Wildes Wohnung in der Tite Street, die Godwin gestaltete. Besonders radikal: das Speisezimmer, das inklusive Fußboden, Wänden und Möbeln komplett in verschiedenen Weißtönen gehalten war – ein extremer Kontrast zur überladenen viktorianischen Farbigkeit.

Blau-Weißes Porzellan als Kultobjekt

Die Begeisterung der Ästhetizisten für blau-weißes Porzellan aus China wird in einem eigenen Bereich thematisiert. Für Sammler wie Wilde oder den Maler James Whistler waren diese Objekte reine Sinnbilder der Schönheit, losgelöst von ihrem kulturellen Kontext.

Die Ausstellung im Bröhan-Museum zeigt eindrücklich, dass das moderne Design seine Wurzeln nicht nur in funktionalen Überlegungen hat, sondern auch in der radikalen Leidenschaft für die Schönheit an sich.

Mehr unter: broehan-museum.de

Eine Frau steht im Museum. Die Tafeln im Hintergrund sind unscharf. Auf dem Bild steht: Barrierefrei kommunizieren im Museum mit Leichten Bildern. Expertenwissen kompakt. Workshop am 23. Septemner 9 - 11 Uhr
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