
© Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers; © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Franz J. Wamhof
Lange bevor YouTube oder Netflix existierten, gab es eine radikale Idee: Das Fernsehen sollte kein Ort für Dokumentationen über Kunst sein, sondern selbst zur Galerie werden. Das ZKM Karlsruhe hat nun das legendäre Archiv von Gerry Schum und Ursula Wevers erworben. Ein Coup für die Kunstwelt – und der Anlass für eine monumentale Ausstellung ab Mai 2026.
Mit diesem Erwerb sichert das ZKM ein zentrales Zeugnis der Avantgarde. Es ist die Geschichte eines visionären Paares, das den Mut hatte, das „Medium für die Massen“ gegen den elitären Kunstmarkt auszuspielen.
Die Vision: Kunst für alle, Besitz für niemanden
Ende der 1960er-Jahre steckte das klassische Kunstobjekt in der Krise. Aktionen, Land Art und Konzepte ließen sich nicht einfach in einen Rahmen pressen oder in einen Tresor legen. Gerry Schum und Ursula Wevers antworteten darauf radikal:
- Demokratisierung: Kunst sollte direkt in die Wohnzimmer fließen – ohne Eintrittskarte, ohne exklusiven Sammlerkreis.
- Kommunikation statt Besitz: „Eine unserer Ideen ist die Kommunikation von Kunst anstelle des Besitzes von Kunstobjekten“, so Schums berühmtes Credo.
Die „Störsender“ der Kunstgeschichte
Die Fernsehgalerie war kein braves Bildungsprogramm. Sie war eine Intervention.
- LAND ART (1969): Die erste Fernsehausstellung der ARD brachte monumentale Natur-Eingriffe direkt auf die Röhrenbildschirme.
- IDENTIFICATIONS (1970): In Zusammenarbeit mit Größen wie Joseph Beuys, Richard Serra und Gilbert & George entstanden Werke, die heute zum Weltkanon der Videokunst gehören.
- Radikale Stille: Die Beiträge wurden ohne Kommentar oder erklärende Moderation ausgestrahlt. Ein Schock für das damalige TV-Publikum und ein Bruch mit allen Sehgewohnheiten.
Das Archiv: Ein Schatz aus Glas, Magnetband und Papier
Nach Schums frühem Tod 1973 bewahrte Ursula Wevers diesen Schatz über fünf Jahrzehnte. Das ZKM übernimmt nun ein Konvolut, das Technik- und Kunstgeschichte gleichermaßen atmet:
- Filme & Videos: 66 originale 16-mm-Filme & 81 Videobänder (diverse Formate)
- Dokumente: Korrespondenzen, Zeichnungen, Collagen & technische Unterlagen
- Equipment: Historisches Videoequipment (die „Hardware“ der Revolution)
- Unikate: Werkvorstufen und bisher unveröffentlichte Projekte
Warum das ZKM der perfekte Ort ist
Alte Videobänder sind Mimosen – sie zerfallen, wenn man sie nicht richtig pflegt. Das ZKM ist eine der wenigen Institutionen weltweit, die über ein eigenes Labor für antiquierte Videosysteme verfügt. Hier werden die Bänder nicht nur gelagert, sondern aktiv vor dem digitalen Vergessen gerettet.
„Ich weiß die Archivbestände nun in guten Händen und für kommende Generationen dauerhaft gesichert.“ — Ursula Wevers
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