Welche Texte und Archivalien gehören in einen Raum, in dem es um die unterschiedlichen Arten und Weisen geht, Afrika zu erzählen – aus den Ländern Afrikas ebenso wie aus Europa oder den USA? Diese Frage wird kooperativ und Schritt für Schritt in einer Open-Space-Ausstellung seit dem 10. November 2019 im Literaturmuseum der Moderne mit verschiedenen Kuratoren aus unterschiedlichen Ländern, u.a. mit Partnern aus Namibia, verhandelt. Im ersten Schritt zeigen wir politisch, ethisch und künstlerisch fragwürdige Afrika-Erzählungen aus der deutschsprachigen Literaturgeschichte seit der Kolonialzeit.

Da zur Eindämmung von Covid-19 weder der geplante Ausstellungsworkshop in Namibia noch das geplante Literaturfestival mit Schriftstellern aus Afrika im Juni 2020 in Marbach stattfinden können, ergänzen wir die Ausstellung um einen virtuellen Raum, in dem die Kuratoren ihre ausgewählten Texte oder Objekte vorstellen.

Hier spricht Simone de Picciotto, Gründerin & künstlerische Leiterin von “Hit The Beat”, Lehrerin, Musikpädagogin, Klangtherapeutin und Rhythmuscoach, über ein Marbacher Projekt mit Schülerinnen und Schülern aus Namibia (Waldorf School Windhoeck) und Deutschland (Kulturakademie Literatur der Stiftung Kinderland), das im September 2019 im Literaturmuseum der Moderne stattgefunden hat.

JULIA SCHNEIDER UND VERENA STAACK ZUM KURZFILM „HIT THE BEAT“

A. Uns verbindet mit Afrika …? Julia Schneider und Verena Staack, beide für Bildungs- und Vermittlungsprojekte in den Museen des Deutschen Literaturarchivs Marbach zuständig, beide bislang nur lesend mit dem afrikanischen Kontinent in Berührung gekommen. Umso schöner, dass wir vor einigen Monaten Kontakt zum Stuttgarter Verein „Hit the beat“ bekamen, der in interkulturellen Bildungsprojekten mit Musik, Tanz und Bewegung junge Menschen vor allem aus Namibia, Südafrika und Deutschland zusammenbringt. Im September fand eine Konzerttournee von 24 Schülern aus der Waldorf School Windhoek durch Deutschland statt. Zur selben Zeit hatten wir 20 Jugendliche aus ganz Baden-Württemberg im Rahmen der Kulturakademie Baden-Württemberg der Stiftung Kinderland bei uns auf der Schillerhöhe. Eine gute Gelegenheit also, einen Austausch zwischen den namibischen und deutschen Jugendlichen anzustoßen.

C. Wie wird darin Afrika erzählt? „Afrika“ stand zunächst einmal gar nicht im Mittelpunkt des gemeinsamen Workshops Soundscape. Vielmehr sollten Musik und Rhythmus dahingehend erkundet werden, wie sie als Brücke dienen können, die unterschiedliche Nationalitäten miteinander verbindet. Die Jugendlichen begegneten sich in einer Speed-Dating-Runde als Individuen, die natürlich alle geprägt sind durch die Orte ihrer Herkunft. Im gemeinsamen Austausch wurden dann aber viele weitere Themen angesprochen: Aus welcher Familie komme ich, habe ich Geschwister, womit beschäftige ich mich gerne, was bewegt mich?

D. Was fasziniert uns daran? Fasziniert hat uns die Aufgeschlossenheit der teilnehmenden Jugendlichen. Die Schüler der Kulturakademie hatten sich erst wenige Tage vor Durchführung des Workshops kennengelernt und sahen nun erneut in unbekannte Gesichter. Für die meisten jungen Teilnehmer der Waldorf School Windhoek war es zwar nicht das erste interkulturelle Bildungsprojekt, deren Teil sie waren, doch wurde uns rasch klar, dass jedes dieser Projekte neu, einzigartig und somit gleichermaßen herausfordernd war und ist. Beeindruckt hat uns vielmehr noch die Bereitschaft, sich auf das künstlerische Experiment mit offenem Ende einzulassen und es nach nur wenigen Stunden des Improvisierens und Probens vor einem öffentlichen Publikum auf die Bühne zu bringen.

E. Welche Informationen sind aus unserer Sicht für das Verständnis wichtig? Der englische Ausdruck Soundscape findet seine deutsche Entsprechung in dem Begriff „Klanglandschaft“. In der Vorstellung vieler mag die charakteristische Klanglandschaft eines Museumsbesuchs geprägt sein von andächtigem Schweigen, ehrfurchtsvollem Staunen, leisem Gewisper, zarten Schritten durch heilige Hallen. Doch wer sagt, dass das so sein muss? Das Open-Space-Konzept, das von der Vielheit und Vielfalt der Stimmen lebt, sodass es schon einmal etwas lauter werden kann, warf seine Schatten voraus: Deutschsprachige Texte sind mit afrikanischen Rhythmen zu einer gemeinsamen Soundperformance verschmolzen, die die Museumsräume in eine einzigartige Klanglandschaft verwandelt hat.

F. Auf welche Fragen dazu haben wir noch keine Antwort? Was würden wir hören, wenn die Jugendlichen nicht nur drei Stunden, sondern drei Tage gemeinsam getextet, getanzt, gesungen und musiziert hätten?

Gefördert von Ministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst des Landes Baden-Württemberg sowie der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg. Film: #LiteraturmuseenMarbach, www.dla-marbach.de.

Mehr über “Hit The Beat”: https://hit-the-beat.org/hit-the-beat/

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