Wie hängen die Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus und die jahrhundertelange Geschichte des europäischen Kolonialismus zusammen? Mit der Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“ widmet sich das Deutsche Historische Museum in Berlin einer der kontroversesten Debatten der Geschichtswissenschaft. Kurator Stephan Malinowski erläutert, warum der Vergleich unterschiedlicher Gewaltregime wichtig ist, weshalb er nicht mit einer Gleichsetzung verwechselt werden darf und wie neue Perspektiven zu einem differenzierteren Verständnis der Geschichte beitragen können.
NS-Gewalt und koloniale Herrschaft: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Die Ausstellung untersucht die Beziehungen zwischen der nationalsozialistischen Gewalt in Europa und der kolonialen Gewalt europäischer Mächte in verschiedenen Teilen der Welt. Im Zentrum steht die Frage, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich zwischen diesen historischen Phänomenen erkennen lassen und was sich daraus für das Verständnis extremer Gewalt im globalen Maßstab ergibt.
Der Rundgang ist thematisch gegliedert. Einzelne Räume widmen sich unter anderem Antisemitismus und Rassismus, Zwangsarbeit, Siedlung und Vertreibung, industrieller Vernichtung sowie Widerstand und Kollaboration. Anhand dieser Themen werden unterschiedliche Formen von Herrschaft und Gewalt miteinander in Beziehung gesetzt, ohne ihre jeweiligen historischen Bedingungen aus dem Blick zu verlieren.
Für Stephan Malinowski ist entscheidend, nachvollziehbar zu machen, warum ein solcher Vergleich überhaupt sinnvoll sein kann. Es geht nicht darum, historische Ereignisse gleichzusetzen, sondern darum, ihre Besonderheiten ebenso wie mögliche strukturelle Gemeinsamkeiten genauer zu untersuchen.
Wie der Vergleich von Kolonialismus und Faschismus entstand
Die Auseinandersetzung mit den Verbindungen zwischen Kolonialismus und Faschismus hat eine lange Geschichte. Bereits in den späten 1920er-Jahren entwickelten marxistische und antiimperialistische Organisationen eine Sprache, mit der sie beide Herrschaftsformen in einen Zusammenhang stellten.
In den 1930er-Jahren griffen Intellektuelle aus der Karibik, Afrika und Indien diese Überlegungen auf und führten sie weiter. Sie vertraten die Auffassung, dass die Gewaltpraktiken der europäischen Faschisten und Nationalsozialisten in Teilen an jene Gewalttechniken anknüpften, die europäische Kolonialmächte über Jahrhunderte hinweg außerhalb Europas angewendet hatten.
Der indische Politiker Jawaharlal Nehru kritisierte beispielsweise, dass die britische Herrschaft im eigenen Land demokratische Prinzipien beanspruche, während sie in Indien durch autoritäre und gewaltsame Praktiken geprägt sei. In dieser Perspektive erschienen Kolonialismus und Faschismus als miteinander verbundene Formen politischer Gewalt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Frage auch in der Wissenschaft intensiv diskutiert. Eine zentrale Rolle spielte Hannah Arendts 1951 veröffentlichtes Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. In ihrer Auseinandersetzung mit dem Imperialismus untersuchte Arendt historische Voraussetzungen und Entwicklungen, die für das Verständnis totalitärer Herrschaft und der nationalsozialistischen Gewaltgeschichte relevant sind.
Koloniale Vorstellungen im Denken der Nationalsozialisten
Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den kolonialen Vorstellungen, die innerhalb des Nationalsozialismus verbreitet waren. Malinowski verweist darauf, dass sich entsprechende Begriffe und Fantasien in unterschiedlichen Ebenen des NS-Systems finden lassen – von Adolf Hitler und Heinrich Himmler über die SS-Hierarchie bis hin zu Wehrmachtsoffizieren und einfachen Soldaten.
Auch in persönlichen Briefen aus dem Krieg tauchen koloniale Denkweisen und entsprechende Sprachbilder auf. Die nationalsozialistischen Pläne für ein gewaltgestütztes Herrschafts- und Siedlungsreich in Europa weisen dabei in bestimmten Aspekten Parallelen zu historischen europäischen Kolonialreichen auf.
Diese Bezüge sind für die historische Analyse bedeutsam. Sie zeigen, dass koloniale Vorstellungen nicht ausschließlich auf Gebiete außerhalb Europas bezogen waren, sondern auch das Denken über Eroberung, Besatzung, Bevölkerungspolitik und territoriale Neuordnung innerhalb Europas beeinflussten.
Die Ausstellung betrachtet solche Verbindungen als Teil einer umfassenderen Geschichte politischer Gewalt. Zugleich bleibt zu untersuchen, welche konkreten Gemeinsamkeiten bestehen und wo die Unterschiede zwischen den jeweiligen historischen Kontexten liegen.
Eine globale Debatte im Museum
Die vergleichende Betrachtung von Nationalsozialismus und Kolonialismus ist längst Gegenstand internationaler wissenschaftlicher Diskussionen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat diese Debatte weltweit an Bedeutung gewonnen. Sie wird nicht nur in der Geschichtswissenschaft geführt, sondern ebenso in der Politik und im gesellschaftlichen Aktivismus.
Das Deutsche Historische Museum versteht die Ausstellung daher nicht als Erfindung eines neuen Vergleichs. Vielmehr möchte es bestehende Debatten aufgreifen und ausgewählte Aspekte für ein breiteres Publikum zugänglich machen.
Nach Einschätzung Malinowskis liegt eine besondere Herausforderung darin, komplexe und emotional aufgeladene Diskussionen in einem musealen Rahmen darzustellen. Unterschiedliche Positionen sollen nachvollziehbar werden, ohne die historischen Fakten aus dem Blick zu verlieren.
Die Ausstellung vermittelt damit auch Wissen über Themen, die in der deutschen Geschichtsvermittlung und im Schulunterricht nicht immer ausführlich behandelt werden. Sie erweitert den Blick über die deutsche Geschichte hinaus und fragt danach, wie sich extreme Gewalt im globalen Zusammenhang erklären lässt.
Perspektivwechsel: Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten
Ein wesentliches Anliegen der Ausstellung ist der Perspektivwechsel. Wer sich mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust beschäftigt, bringt stets eigene Erfahrungen, gesellschaftliche Prägungen und historisches Wissen mit. Diese Perspektiven unterscheiden sich je nach Herkunft und kulturellem Umfeld.
Malinowski betont, dass Menschen aus Ländern wie Indien, China oder Deutschland, ebenso wie aus Regionen Afrikas und Südamerikas, mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen auf die NS-Geschichte blicken können. Diese Unterschiede sind nicht grundsätzlich als Widerspruch zu verstehen. Sie können vielmehr dazu beitragen, vertraute Deutungen zu überprüfen und neue Zusammenhänge zu erkennen.
Ein Perspektivwechsel bedeutet dabei nicht, die eigene Sichtweise aufzugeben. Vielmehr geht es darum, andere Perspektiven ernst zu nehmen, ihre Voraussetzungen zu verstehen und sie gegebenenfalls in das eigene historische Urteil einzubeziehen.
Auf diese Weise soll die Ausstellung dazu anregen, komplexe Gewaltgeschichte differenzierter zu betrachten. An die Stelle einfacher Zuordnungen können genauere Analysen treten, die auch Widersprüche, Grauzonen und unterschiedliche Handlungsspielräume berücksichtigen.
Bedeutet Vergleichen automatisch Gleichsetzen?
Eine zentrale Frage der Ausstellung lautet: Bedeutet ein historischer Vergleich zwangsläufig eine Gleichsetzung? Stephan Malinowski beantwortet sie eindeutig mit Nein.
Der Vergleich ist eine grundlegende Methode der Geschichtswissenschaft. Um die Besonderheiten eines historischen Phänomens zu erkennen, muss es zu anderen Phänomenen in Beziehung gesetzt werden. Dabei können sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede sichtbar werden.
Gerade bei der Untersuchung von Gewaltgeschichte ist diese Unterscheidung entscheidend. Der Vergleich kann helfen, bestimmte Strukturen und Praktiken zu erkennen, ohne die historischen Ursachen, Ziele und Folgen unterschiedlicher Regime miteinander gleichzusetzen. Er eröffnet die Möglichkeit, Gemeinsamkeiten zu benennen und zugleich die Eigenheiten einzelner Ereignisse und Herrschaftssysteme präzise herauszuarbeiten.
Die Ausstellung fordert daher dazu auf, den Vergleich nicht als abschließendes Urteil, sondern als Methode des historischen Denkens zu verstehen. Entscheidend ist, welche Fragen gestellt werden, welche Fakten berücksichtigt werden und wie sorgfältig Unterschiede und Ähnlichkeiten eingeordnet werden.
Historische Urteilskraft im 21. Jahrhundert
Mit „Umstrittene Verwandtschaft“ verbindet das Deutsche Historische Museum die Hoffnung, die historische Urteilskraft seiner Besucher*innen zu stärken. Dazu gehört, Fakten zu kennen, unterschiedliche Deutungen nachvollziehen zu können und die Grenzen historischer Vergleiche kritisch zu reflektieren.
Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Kolonialismus zeigt, wie schwierig es sein kann, Gewaltgeschichte in ihrer gesamten Komplexität zu erfassen. Zugleich wird deutlich, dass ein differenzierter Blick auf die Vergangenheit unterschiedliche Perspektiven benötigt.
Für Malinowski liegt gerade darin die Bedeutung des Vergleichs: Er macht es möglich, historische Besonderheiten genauer zu beschreiben und zugleich größere Zusammenhänge zu erkennen. Die Ausstellung eröffnet damit einen Raum, in dem kontroverse Fragen nicht vorschnell beantwortet, sondern anhand historischer Fakten und unterschiedlicher Perspektiven untersucht werden können.
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