Bei Bauarbeiten im Halberstädter Sonntagsfeld sind Archäolog*innen auf Gräber aus der späten Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit gestoßen. Die Funde geben Einblicke in die Bestattungsrituale, sozialen Vorstellungen und weitreichenden Kontakte prähistorischer Gemeinschaften. Besonders aufschlussreich ist das Grab eines Mannes aus der Glockenbecherkultur, dessen Beigaben auf die Bedeutung des Bogenschießens und auf überregionale kulturelle Verbindungen hinweisen. Im neu gestalteten Abschnitt “Bronzerausch” der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) gibt Direktor Harald Meller Einblick in den Forschungsstand.
Archäologische Ausgrabungen im Halberstädter Sonntagsfeld
Im Halberstädter Sonntagsfeld wurde ein Baugebiet für Eigenheime erschlossen. Da Hinweise auf mögliche archäologische Funde vorlagen, untersuchte die Bodendenkmalpflege das Gelände bereits vor Beginn der eigentlichen Bauarbeiten. Beim Abziehen des Oberbodens wurden Verfärbungen sichtbar, die auf ehemalige Grabstellen hindeuteten. Die Archäolog*innen legten die Gräber daraufhin frei und dokumentierten die Befunde.
Die Bestattungen lassen sich der Glockenbecherkultur und der Aunjetitz-Kultur zuordnen. Beide gehören in einen Zeitraum des Übergangs von der späten Jungsteinzeit zur Frühbronzezeit und geben wichtige Hinweise auf die kulturellen Veränderungen in Mitteleuropa.
Glockenbecherkultur und Schnurkeramik: Begegnungen in der Vorgeschichte
Die Glockenbecherkultur wird ungefähr auf die Zeit zwischen 2500 und 2200 v. Chr. datiert. Ab etwa 2200 v. Chr. folgt die Aunjetitz-Kultur, die sich im Austausch und in der Vermischung verschiedener kultureller Traditionen entwickelte. Dazu gehörte auch die ältere Schnurkeramik.
Die Ursprünge dieser Gemeinschaften und ihre Wanderungsbewegungen sind Gegenstand der Forschung. Für die Glockenbecherkultur werden weitreichende Verbindungen diskutiert, die unter anderem bis in die osteuropäischen Steppen zurückreichen könnten. Auch die Schnurkeramik wird mit Bevölkerungsbewegungen aus Regionen des heutigen Belarus, der Ukraine und Polens in Verbindung gebracht.
Die genaue Herkunft und Ausbreitung der Glockenbecherkultur sind jedoch weiterhin nicht abschließend geklärt. Neue genetische Untersuchungen sollen dazu beitragen, die bisherigen Annahmen zu überprüfen und die Entwicklung prähistorischer Bevölkerungen genauer zu rekonstruieren.
Ein Grab aus der Glockenbecherkultur: Bestattungsrituale und Erhaltungszustand
Eines der freigelegten Gräber enthält die Überreste eines Mannes. Die Knochen sind teilweise stark beschädigt oder nur fragmentarisch erhalten. Mögliche Ursachen sind der Druck des darüberliegenden Erdreichs, das Einsinken der Grabkonstruktion oder spätere landwirtschaftliche Eingriffe. Auch natürliche Bodenprozesse und die Aktivität kleiner Tiere können dazu geführt haben, dass Knochen verändert oder verlagert wurden.
Die Bestattung folgt einem charakteristischen Ritual der Glockenbecherkultur: Der Tote liegt in Hockerstellung, also mit angewinkelten Armen und Beinen. Während Bestattete der Schnurkeramik häufig nach Süden ausgerichtet sind, blicken die Toten der Glockenbecherkultur typischerweise nach Osten.
Solche wiederkehrenden Bestattungsregeln helfen Archäolog*innen, kulturelle Traditionen zu erkennen und miteinander zu vergleichen.
Kupferdolch, Armschutzplatte und Glockenbecher als Grabbeigaben
Besonders aufschlussreich sind die Beigaben des Mannes. Sie vermitteln ein Bild davon, wie sich Menschen der Glockenbecherkultur möglicherweise selbst verstanden und welchen sozialen Status sie ausdrücken wollten.
Zu den Funden gehört ein kleiner Kupferdolch. Metallgegenstände dieser Art waren in der Glockenbecherkultur bedeutende Objekte und zeugen von handwerklichen Fähigkeiten sowie von der Nutzung überregionaler Austauschbeziehungen.
Eine weitere auffällige Beigabe ist eine rote Schieferplatte mit vier Löchern. Sie wird als mögliche Armschutzplatte eines Bogenschützen interpretiert. Solche Platten sollten den Unterarm vor der zurückschnellenden Bogensehne schützen. Pfeilspitzen, wie sie aus anderen bekannten Glockenbecherbestattungen bekannt sind, wurden in diesem Grab allerdings nicht gefunden.
Hinzu kommt ein typischer Glockenbecher. Keramikgefäße dieser Form sind namensgebend für die Kultur. Im Grabzusammenhang könnten sie Speisen oder Getränke für das Jenseits symbolisiert haben; ihre konkrete Bedeutung lässt sich jedoch nicht in jedem Einzelfall sicher bestimmen.
Zusammen vermitteln die Beigaben das Bild eines Mannes, dessen Identität möglicherweise mit dem Bogenschießen, besonderen Gegenständen und weitreichenden Kontakten verbunden war. Anders als bei manchen Bestattungen der Schnurkeramik steht hier nicht allein die Darstellung eines Kriegers im Vordergrund.
Eine Kultur mit Verbindungen quer durch Europa
Die Glockenbecherkultur war über große Teile Europas verbreitet. Funde sind unter anderem von der Iberischen Halbinsel über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland bis nach Italien, auf den Balkan, nach England und in Regionen Osteuropas bekannt.
Diese weite Verbreitung gehört zu den Gründen, weshalb die Herkunft der Kultur seit Langem diskutiert wird. Verschiedene Forschungsansätze haben ihren Ursprung in unterschiedlichen Regionen Europas vermutet, darunter im Westen des Kontinents und in den Niederlanden. Ein abschließendes Bild ihrer Entstehung und Ausbreitung steht weiterhin aus.
Die charakteristischen Gefäße und bestimmte Grabbeigaben zeigen, dass Menschen über große Entfernungen hinweg ähnliche Formen und Praktiken verwendeten. Dabei bleibt offen, in welchem Umfang diese Gemeinsamkeiten auf Wanderungen, Handel, kulturellen Austausch oder die Übernahme von Traditionen zurückzuführen sind.
Glockenbecherkultur und Schnurkeramik: Zusammenleben statt Konfrontation?
Die Gräber aus Halberstadt sind auch deshalb interessant, weil sie auf das Verhältnis zwischen Glockenbecherkultur und Schnurkeramik verweisen. Obwohl die Schnurkeramik früher auftritt, verbreiten sich die Traditionen der Glockenbecherkultur später in vielen Regionen, in denen bereits andere Gemeinschaften lebten.
Die archäologischen Befunde sprechen dafür, dass beide Gruppen zumindest teilweise nebeneinander existierten. Möglicherweise lebten die Menschen in räumlich getrennten Siedlungsbereichen und bildeten gemeinsam ein Mosaik unterschiedlicher kultureller Traditionen. Hinweise auf durchgehend gewaltsame Auseinandersetzungen ergeben sich daraus nicht.
Im weiteren Verlauf der Frühbronzezeit entwickelten sich aus diesen und anderen Traditionen neue kulturelle Zusammenhänge. Die Aunjetitz-Kultur steht beispielhaft für diese Veränderungen in Mitteleuropa.
Was die Funde über die Frühbronzezeit verraten
Die Ausgrabungen im Halberstädter Sonntagsfeld zeigen, wie viel sich aus Gräbern über längst vergangene Lebenswelten erschließen lässt. Bestattungspositionen, Keramik und Metallobjekte geben Hinweise auf Rituale, soziale Vorstellungen und kulturelle Kontakte.
Zugleich machen die Funde deutlich, dass die Vorgeschichte Europas nicht als Abfolge klar voneinander getrennter Kulturen verstanden werden kann. Vielmehr begegneten sich Gemeinschaften, übernahmen Traditionen und entwickelten neue Formen des Zusammenlebens. Die Gräber bei Halberstadt sind damit ein wichtiger Baustein, um die kulturellen Veränderungen zwischen später Jungsteinzeit und Frühbronzezeit besser zu verstehen.
Eine Thomas Claus Medienproduktion im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte, 2026. “Archaeofilm” ist eine geschützte Wort-Bild-Marke des Landes Sachsen-Anhalt (LDA).
Regie: Thomas Claus
Bildgestaltung: Felix Greif
Filmeditor: Alexander Woltexinger
Titelgrafik: Oliver Thomas
Ton: Tobias Engelhard
Bildrecherche: Dr. Anja Lochner-Rechta
Projektkoordination: Dr. Tomoko Emmerling
Mehr unter: landesmuseum-vorgeschichte.de





