Prof. Friedhelm Hoffmann vom Ägyptischen Museum München rekonstruiert die Geschichte eines Objekts, das seit 1878 publiziert – und dennoch von der Forschung weitgehend ignoriert wurde.
Ein Dienstagabendvortrag mit einer Sensation
Im Rahmen der Dienstagabendvorträge des Ägyptischen Museums München präsentierte Prof. Dr. Friedhelm Hoffmann, Lehrstuhlinhaber für Ägyptologie und Koptologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, seine aktuellen Forschungsergebnisse zu einem unscheinbaren Objekt aus der eigenen Sammlung: einer Mumienbinde mit hieroglyphischem Text. Was er dabei enthüllte, überraschte selbst Fachpublikum.
Das Objekt: Ein schmaler Streifen aus der Antike
Bei dem Münchner Stück handelt es sich um einen rund anderthalb Meter langen, aber nur 4,2 Zentimeter breiten Streifen aus stuckierter, bemalter und beschrifteter grober Leinwand – in drei Teile zerbrochen. Er gehörte einst zur Hülle einer Mumie aus griechisch-römischer Zeit und wurde aus ihr herausgeschnitten, bevor er in den Antikenhandel gelangte. Das charakteristische Rautenmuster, das auf der Leinwand noch erkennbar ist, imitiert ein über die Mumie gelegtes Perlennetz – eine Praxis, die seit etwa 1000 vor Christus archäologisch belegt ist.
Der Text: Jahrtausende alte Worte für eine Tote
Die Inschrift auf der Mumienbinde ist ein Gebet für eine Frau namens Nest Tefnut – verfasst in mittelägyptischer Sprache, die zum Zeitpunkt der Niederschrift bereits rund 1500 Jahre alt war. Der Text gehört zu Spruch 50 des Mundöffnungsrituals und zu den Sprüchen 49 und 50 des täglichen Tempelrituals. Teile davon lassen sich sogar bis in die Pyramidentexte des späten dritten Jahrtausends vor Christus zurückverfolgen. Der Gedankengang ist theologisch durchdacht: Die Stoffe, mit denen die Mumie gewickelt wird, übertragen durch Wortspiele göttliche Eigenschaften auf die Verstorbene – und erheben sie so in die Sphäre des Osiris.
Das Vergessen: Publiziert und ignoriert
Der Text wurde bereits 1878 vom Ägyptologen Georg Ebers in der Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde veröffentlicht – damals das zentrale Organ der internationalen Ägyptologie. Und dennoch verschwand das Objekt aus dem Blickfeld der Forschung. Spätere Standardwerke erwähnen den Text bestenfalls am Rande, ohne ihn ernsthaft auszuwerten. In der Online Egyptological Bibliography und der Trismegistos-Datenbank findet sich unter der Münchner Inventarnummer schlicht nichts. Hoffmann spricht von einem wiederholten Vergessen und Übersehen – und macht deutlich, wie viel dadurch verloren gegangen ist.
Die Entdeckung: Sarkophag und Mumienbinde gehören zusammen
Der eigentliche Höhepunkt des Abends: Hoffmann konnte 2026 erstmals öffentlich darlegen, dass die Münchner Mumienbinde höchstwahrscheinlich zur selben Person gehört wie ein Kalksteinsarkophag, der heute im Grand Egyptian Museum in Kairo aufbewahrt wird. Dieser Sarg wurde Ende der 1850er Jahre von Auguste Mariette in der nördlichen Nekropole von Abydos gefunden und trägt denselben seltenen Namen – Nest Tefnut, Tochter der Gemes Aset. Beide Namen zusammen sind so außergewöhnlich selten, dass Hoffmann kaum Zweifel an der Zusammengehörigkeit lässt. Die Datierung beider Objekte: um 200 vor Christus, mittlere Ptolemäerzeit.
Wie die Binde nach München kam
1975 erwarb das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst München die Bindenstücke aus dem Nachlass von Georg Ebers, der von 1875 bis 1889 Professor für Ägyptologie in Leipzig gewesen war. Ebers hatte den Text spätestens 1877 in seinem Besitz – vermutlich erwarb er ihn auf einer seiner Ägyptenreisen in den Jahren 1869/70 oder 1872/73. Wann genau und wo, ist bislang ungeklärt. Als nächsten Schritt plant Hoffmann, die Tagebücher von Ebers in Berlin zu sichten.
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