Das Kunstmuseum St.Gallen präsentiert mit „Urs Frei. A–Z“ eine umfassende Retrospektive eines Künstlers, der die Malerei und Plastik zeitlebens gegen den Strich bürstete. Von den internationalen Erfolgen der 1990er Jahre bis hin zu seinen späten Farbuntersuchungen zeigt die Schau das Vermächtnis einer eigenwilligen Schweizer Position.
Urs Frei (1958–2023) gehörte zu jenen Künstlern, die das Medium Malerei nicht einfach nutzten, sondern es sezierten. Der Zürcher, der 1997 die Schweiz an der Biennale di Venezia vertrat, zerlegte das klassische Gemälde konsequent in seine Einzelteile: Leinwand, Farbe und Keilrahmen wurden bei ihm zu modularen Bausteinen, die er in völlig neuen Konstellationen wieder zusammenfügte.
Stapeln, Stecken, Verschnüren
Freis plastisches Werk ist geprägt von einer faszinierenden Materialästhetik. Er nutzte „Halbzeug“ und Alltagsgegenstände – Metallrohre, Plastikkübel, Holz, Karton und Kunststoff –, um daraus komplexe, oft eigenartig anmutende Gebilde zu formen. Dabei mied er klassische bildhauerische Techniken zugunsten von intuitiven Prozessen wie Stapeln, Nageln, Verschnüren oder Verkleben. Diese Werke markieren Freis einzigartige Stellung im internationalen Kunstkontext: eine Kunst, die das Provisorische und den Prozess feiert.
Die Empfindung von Farbe
Ab der Jahrtausendwende verlagerte sich Freis Fokus wieder verstärkt auf die Malerei – allerdings in einem sehr weiten Sinne. Sein Spätwerk lässt sich als eine fortlaufende, fast wissenschaftliche Untersuchung der Empfindung von Farbe begreifen. Es ging ihm nicht mehr um das Abbild, sondern um die physische Präsenz und die Wirkung von Pigmenten im Raum.
Die Retrospektive in St.Gallen bietet nun die Gelegenheit, dieses konsequente Werk in seiner gesamten Breite von „A bis Z“ zu erfassen und die radikale Freiheit eines Künstlers nachzuerleben, der sich nie mit den konventionellen Grenzen der Kunst zufrieden gab.
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