
Florence Henri , Selbstporträt, 1928
Silbersalzabzug
© Martini & Ronchetti, courtesy Archives Florence Henri
Das Zentrum Paul Klee zeigt die erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz seit über 40 Jahren – und erinnert an eine der prägendsten Fotografinnen der europäischen Avantgarde.
Eine Ausstellung, lange überfällig
Vom 29. August 2026 bis 10. Januar 2027 präsentiert das Zentrum Paul Klee in Bern im Rahmen der Dauerausstellung Kosmos Klee rund 80 Werke von Florence Henri (1893–1982) – Fotografien, Gemälde, Zeichnungen und Collagen. Es ist die erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz seit mehr als vier Jahrzehnten.
Zwischen den Metropolen: Ein Leben in der Avantgarde
Florence Henri lebte und arbeitete dort, wo die europäische Moderne entstand: London, Paris, Berlin, München, Rom. Als Pianistin begann sie, wandte sich jedoch aufgrund ihrer selbstkritischen Haltung früh von der Musik ab und begann 1914 eine Malereiausbildung in Berlin und Düsseldorf. Über den Kunsthistoriker Carl Einstein gelangte sie in Kontakt mit den Protagonisten von Dadaismus und Konstruktivismus – darunter Hans Richter, Iwan Puni und László Moholy-Nagy. In Paris studierte sie bei André Lhote, Fernand Léger und Amédée Ozenfant; Begegnungen mit Piet Mondrian, Sonia und Robert Delaunay sowie Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp prägten die zunehmende Geometrisierung ihres Werks.
Am Bauhaus: Zwischen Klee, Kandinsky und Moholy-Nagy
1927 besuchte Florence Henri als Hospitantin das Bauhaus in Dessau und belegte Kurse bei Paul Klee, Moholy-Nagy, Josef Albers und Wassily Kandinsky. Den meisten Mitstudierenden war sie an Erfahrung weit überlegen – es war wohl weniger der konkrete Lehrinhalt als die künstlerisch aufgeladene Atmosphäre, die sie anzog. In einem Brief an Lou Scheper schrieb sie nach ihrer Rückkehr: „Paris macht einen unglaublich altmodischen Eindruck nach dem Bauhaus.”
Das Neue Sehen: Fotografie als Ausdrucksform
Besonders Moholy-Nagys Konzept eines „Neuen Sehens” und der Austausch mit Lucia Moholy beförderten Henris Interesse an der Fotografie. Obwohl sie als Malerin durchaus erfolgreich war, wurde die Fotografie zu dem Medium, das ihr zu größter Bekanntheit verhalf. Ihre Aufnahmen zeichnen sich durch sorgfältige Komposition, spannungsvollen Einsatz von Licht und Schatten, ungewohnte Blickwinkel und ein bewusstes Spiel mit Schärfe und Unschärfe aus. Spiegel und metallene Kugeln ermöglichen simultane Perspektiven und eröffnen Bildräume jenseits der sichtbaren Realität. Daneben machte sie sich als Werbefotografin einen Namen.
Malerei im Krieg, Komposition als Konstante
Während des Zweiten Weltkriegs kehrte Henri aufgrund von Materialknappheit und Verboten zur Malerei zurück. Obwohl sich ihr Spätwerk stark vom Frühwerk unterscheidet, bleibt allen Schaffensphasen das beständige Interesse an Komposition und Fragen der Wahrnehmung gemeinsam – ein roter Faden durch ein außergewöhnliches Künstlerinnenleben.
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