Architektur für die Sinne. Geoffrey Bawa im Vitra Design Museum

Bild des Architekten Geoffrey Bawa an einem Tisch sitzend und auf enem Block zeichnend.
Geoffrey Bawa – in the garden at his home in Lunuganga. circa June 1996
Photo: Dominic Sansoni, c. 1996 © Dominic Sansoni

26. September 2026 bis 28. Februar 2027 im Vitra Design Museum

Geoffrey Bawa (1919–2003) zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten Architekten Asiens im 20. Jahrhundert. Über fünf Jahrzehnte hinweg realisierte er mehr als 200 Projekte – darunter Privathäuser, Schulen, Hotels, Fabriken und das Parlamentsgebäude Sri Lankas. Seine Architektur verbindet Landschaft, lokale Traditionen, Materialien und moderne Gestaltung zu einer einzigartigen räumlichen Sprache.

Ab dem 26. September 2026 widmet das Vitra Design Museum dem Architekten eine umfassende Retrospektive. Die Ausstellung „Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne“ ist bis zum 28. Februar 2027 in Weil am Rhein zu sehen.

Mehr als 250 Exponate zeigen Bawas Werk

Die Ausstellung versammelt mehr als 250 Exponate, darunter originale Zeichnungen, Modelle, Möbel, Fotografien, Filme und Kunstwerke. Ergänzt wird das historische Material durch neue fotografische Aufnahmen des Architekturfotografen Iwan Baan, die den heutigen, gelebten Charakter ausgewählter Bauten Bawas dokumentieren.

Für die Szenografie zeichnet die renommierte Architektin Lina Ghotmeh verantwortlich. Ihre Gestaltung verwandelt die Ausstellungsräume des Vitra Design Museums in eine immersive Umgebung und macht die sinnliche Qualität von Bawas Architektur unmittelbar erfahrbar.

Geoffrey Bawa und die Architektur Sri Lankas

Geoffrey Bawa wurde 1919 im damaligen Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, in eine Familie mit asiatischen und europäischen Wurzeln geboren. Zunächst arbeitete er als Anwalt, bevor er sich für die Architektur entschied. 1957 schloss er sein Studium an der Architectural Association School of Architecture in London ab.

Obwohl Bawa vergleichsweise spät in den Architektenberuf einstieg, entwickelte er sich zu einer der prägenden Stimmen der Architektur Sri Lankas nach der Unabhängigkeit. Seine frühen Arbeiten, etwa die St. Thomas’ Preparatory School, zeigen noch deutlich Einflüsse der westlichen Moderne. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Bawa jedoch eine eigenständige Architektursprache, die lokale Materialien, traditionelle Handwerkskunst und moderne Produktionsweisen miteinander verband.

Architektur im Dialog mit Landschaft und Natur

Ein entscheidendes Merkmal von Bawas Architektur ist die intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Ort. Topografie, Vegetation, Wasser und Klima wurden nicht als Hindernisse verstanden, sondern als wesentliche Bestandteile des Entwurfs.

Bawa war davon überzeugt, dass sich Architektur nicht allein theoretisch erklären lässt, sondern vor allem erlebt werden muss. Seine Gebäude funktionieren daher nicht als statische Objekte, sondern als räumliche Erzählungen, in denen Bewegung, Licht, Material und Landschaft zusammenspielen.

Projekte wie der Polontalawa Estate Bungalow (1963–67) oder das Jayewardene House (1997–98) verdeutlichen diesen Ansatz. Höhenunterschiede und Geländeverläufe werden Teil der Architektur, während Felsen, Bäume und andere Elemente der natürlichen Umgebung unmittelbar in die Gestaltung einbezogen werden.

Zwischen Tropischer Moderne und nachhaltiger Architektur

Bawa wird häufig als Pionier der Tropischen Moderne bezeichnet. Die Ausstellung im Vitra Design Museum geht jedoch über diese einfache Einordnung hinaus und betrachtet sein Werk aus unterschiedlichen Perspektiven.

Im Mittelpunkt stehen unter anderem seine künstlerischen Kooperationen, seine Beschäftigung mit ökologischen Fragen und der politische Kontext seiner Architektur. Dadurch erscheint Bawa als Architekt, dessen Ideen auch für aktuelle Diskussionen über nachhaltiges und sozial verantwortungsvolles Bauen relevant sind.

„Geoffrey Bawas Werk nimmt in der Geschichte der modernen Architektur eine einzigartige Stellung ein“, sagt Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums. Seine Architektur sei tief in der Baukultur und Landschaft Sri Lankas verwurzelt und zugleich von universeller Bedeutung.

Vier Kapitel über Architektur, Kunst und Gesellschaft

Die Ausstellung ist in vier thematische Räume gegliedert, die unterschiedliche Facetten von Geoffrey Bawas Schaffen beleuchten.

Lunuganga und Number 11: Persönliche Experimentierfelder

Den Auftakt bilden zwei besonders persönliche Orte: Bawas Landsitz Lunuganga in Bentota, an dem er von 1948 bis 2003 arbeitete, sowie sein Wohnhaus Number 11 in Colombo, das zwischen 1958 und 1969 entstand.

Über Jahrzehnte hinweg dienten beide Orte als Experimentierfelder für Bawas Ideen zu Raum, Bewegung, Landschaft und Atmosphäre. Zeichnungen, persönliche Gegenstände und historische Fotografien geben Einblicke in diese Lebens- und Arbeitswelten. Eine großformatige Videoinstallation von Kavindu Sivaraj ergänzt die Präsentation.

Architektur im politischen Wandel Sri Lankas

Der zweite Ausstellungsraum widmet sich den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen im unabhängigen Sri Lanka. Die Ausstellung zeigt, wie diese Entwicklungen Bawas Architektur beeinflussten.

Materialknappheit und politische Umbrüche wurden für Bawa zu Ausgangspunkten für neue Lösungen. Modelle, architektonische Fragmente, Möbel, Zeichnungen und Fotografien zeigen seinen innovativen Umgang mit Materialität, Konstruktion und Innenraumgestaltung.

Kunst, Handwerk und Zusammenarbeit

Der dritte Raum rückt den kollaborativen Charakter von Bawas Arbeit in den Mittelpunkt. Viele seiner Projekte entstanden in engem Austausch mit Künstlerinnen, Handwerkerinnen, Designer*innen und anderen Kreativen.

Zu den wichtigen Partnerinnen und Partnern gehörten die Batikkünstlerin Ena de Silva, der Künstler Laki Senanayake und die Textildesignerin Barbara Sansoni. Ihre Batiken, Skulpturen und Textilien waren in Bawas Architektur keine bloße Dekoration. Vielmehr wurden sie zu integralen Bestandteilen eines räumlichen Gesamterlebnisses.

Dabei zeigt die Ausstellung auch die soziale Bedeutung dieser Zusammenarbeit. Zahlreiche Werkstätten waren als soziale Initiativen organisiert und boten Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Gleichzeitig trugen sie zur Bewahrung lokaler Handwerkstraditionen bei.

Ökologie und das Zusammenspiel mit der Natur

Das vierte Kapitel widmet sich Bawas Verhältnis zu Landschaft und Ökologie. Modelle, Zeichnungen, Fotografien und Archivmaterial verdeutlichen, wie eng seine Gebäude mit ihrer natürlichen Umgebung verbunden sind.

Bawas Architektur zielte nicht auf die Beherrschung der Natur, sondern auf ein Zusammenspiel von Mensch, Gebäude und Umwelt. Vegetation, Topografie, Wasser und Klima werden zu aktiven Bestandteilen seiner Entwürfe.

Eine eigens für die Ausstellung entwickelte Videoinstallation von Ruvin de Silva führt diesen Gedanken in die Gegenwart und untersucht das Verhältnis von Mensch, Architektur und Natur.

Historische Dokumente und neue Fotografien

Für die Ausstellung wurden zahlreiche Objekte, Modelle und Dokumente aus dem Geoffrey Bawa Trust zusammengetragen. Hinzu kommen Kunstwerke von Ena de Silva, Laki Senanayake und Barbara Sansoni sowie historische Fotografien von Sebastian Posingis und Dominic Sansoni.

Neue fotografische und filmische Arbeiten von Iwan Baan, Kavindu Sivaraj und Ruvin de Silva ergänzen das historische Material und eröffnen einen aktuellen Blick auf Bawas Architektur.

Ausstellung über einen Architekten von weltweiter Bedeutung

„Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne“ zeigt einen Architekten, dessen Werk weit über Sri Lanka hinaus Bedeutung erlangt hat. Seine Verbindung von moderner Architektur, lokaler Baukultur, Kunst, Handwerk und Natur macht ihn zu einer wichtigen Inspirationsquelle für die heutige Architektur- und Designwelt.

Die Ausstellung ist eine Koproduktion des Vitra Design Museums, der Wüstenrot Stiftung und M+, in Zusammenarbeit mit dem Geoffrey Bawa Trust. Nach der Präsentation im Vitra Design Museum wird sie ab Juni 2027 im M+ in Hongkong zu sehen sein und anschließend an weiteren Orten gezeigt.

Mehr unter: www.design-museum.de

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