Neue Forschungen der Staatlichen Museen zu Berlin haben ein bislang falsch identifiziertes Gemälde von Max Slevogt neu eingeordnet. Das Werk zeigt nicht Bruno Cassirers Vater, sondern Louis Cassirer auf dem Totenbett. Zugleich wird die Datierung von 1924 auf 1904 korrigiert.

© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Foto: David von Becker
Mehr als ein Jahrhundert nach seiner Entstehung erhält ein Gemälde von Max Slevogt (1868–1932) eine neue Identität. Die Alte Nationalgalerie führt das bislang als „Der Vater Bruno Cassirers auf dem Totenbett“ bezeichnete Werk künftig unter dem Titel „Louis Cassirer auf dem Totenbett“ (1904). Ausschlaggebend für die Neubewertung waren bislang nicht vollständig ausgewertete Quellen zur Entstehungs- und Provenienzgeschichte.
Die neuen Erkenntnisse gehen auf Stephan Kemperdick, Kurator an der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, zurück. Im Zuge der Vorbereitungen für die Ausstellung „Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka“, die ab Oktober 2026 in der Gemäldegalerie zu sehen sein wird, wurden historische Quellen erneut untersucht und die Geschichte des Gemäldes rekonstruiert.
Eine Notiz Slevogts liefert den entscheidenden Hinweis
Den entscheidenden Anhaltspunkt liefert eine bislang nur unvollständig ausgewertete Notiz in einem privaten Bilderverzeichnis Slevogts aus dem Jahr 1904. Dort vermerkte der Künstler eine „Porträtskizze nach Cassirer auf dem Totenbette“ und ergänzte den Eintrag mit dem Hinweis „an Frau Bruno Cassirer“.
Damit lässt sich das Gemälde zeitlich und familiär neu einordnen. Bei dem Dargestellten handelt es sich demnach um Louis Cassirer (1839–1904). Das Erinnerungsbild gelangte an dessen Tochter Else Cassirer, die mit dem Berliner Verleger Bruno Cassirer verheiratet war. Die neue Zuordnung erklärt zugleich, wie das Gemälde in den Besitz der Familie Cassirer kam.
Auch ein Vergleich mit zeitgenössischen Porträts spricht gegen die bisherige Identifizierung. Das Erscheinungsbild von Julius Cassirer, das unter anderem durch ein Porträt Max Liebermanns aus dem Jahr 1907 überliefert ist, stimmt nicht mit der Darstellung auf Slevogts Gemälde überein. Stilistische Merkmale des Bildes passen dagegen überzeugend in Slevogts Schaffen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Von der Familiengeschichte zur NS-Raubgeschichte
Die Neubestimmung des Gemäldes ist nicht nur für die kunsthistorische Einordnung relevant. Sie führt zugleich tiefer in die Geschichte der Familie Cassirer, deren Mitglieder eine bedeutende Rolle im Berliner Kunst- und Verlagswesen spielten.
Das Gemälde befand sich ursprünglich im Besitz von Bruno und Else Cassirer. Als jüdische Familie wurden beide vom NS-Regime verfolgt. Nach ihrer Flucht aus Deutschland wurde ihr Besitz beschlagnahmt und 1944 versteigert. Über den Kunsthändler Wolfgang Gurlitt gelangte das Werk schließlich 1963 als Schenkung in die Nationalgalerie.
Die Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin führte 2025 zur Anerkennung des Gemäldes als NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts. Das Werk wurde an die Erben der Familie restituiert. Mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung konnte es anschließend für die Sammlung der Nationalgalerie erworben werden.
Die Geschichte des Gemäldes zeigt damit exemplarisch, wie eng kunsthistorische Forschung und Provenienzforschung miteinander verbunden sein können. Eine unscheinbare Notiz des Künstlers verändert nicht nur den Namen und das Entstehungsdatum eines Bildes, sondern eröffnet zugleich einen präziseren Blick auf seine familiäre und historische Geschichte.
Zu sehen in der Alten Nationalgalerie
Derzeit ist das Gemälde in der Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ in der Alten Nationalgalerie zu sehen. Noch bis zum 27. September 2026 widmet sich die Schau Paul Cassirer (1871–1926), einem der bedeutendsten Kunsthändler seiner Zeit.
Mehr als 120 Werke von Künstler des Impressionismus und der Klassischen Moderne – darunter Édouard Manet, Claude Monet, Auguste Renoir, Vincent van Gogh, Max Liebermann, Max Slevogt, Gabriele Münter und Ernst Barlach – veranschaulichen Cassirers Engagement für die moderne Kunst. Die neue Identifizierung des Slevogt-Gemäldes ergänzt diesen Blick um eine weitere Facette der Familiengeschichte.
Ab dem 16. Oktober 2026 wird das Werk anschließend in der Gemäldegalerie in der Ausstellung „Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka“ präsentiert. Dort tritt es in einen Dialog mit Bildnissen aus fünf Jahrhunderten.
Die neuen Forschungsergebnisse zu Slevogts Totenbildnis werden zudem erstmals ausführlich im begleitenden Ausstellungskatalog veröffentlicht.
Mehr unter: www.smb.museum







