Judith Kohlenberger im Gespräch: Migrationspanik – Wie die Abschottungspolitik unsere Demokratie gefährdet

Im NS-Dokumentationszentrum München präsentierte die renommierte Migrationsforscherin Judith Kohlenberger ihr aktuelles Buch „Migrationspanik“. In einer tiefgründigen Analyse warnt sie davor, dass die Gewalt an den Grenzen nicht dort haltmacht, sondern schleichend die Grundwerte unserer Gesellschaft und die Rechtsstaatlichkeit untergräbt.

Judith Kohlenberger, Soziologin an der Wirtschaftsuniversität Wien, ist eine der profiliertesten Stimmen in der Migrations- und Fluchtforschung. In München diskutierte sie nicht nur die harten Fakten der Migrationspolitik, sondern beleuchtete vor allem die psychologischen und soziologischen Mechanismen hinter der aktuellen Debatte.

Die Gewalt macht an den Grenzen nicht halt

Eine Kernthese Kohlenbergers lautet: Die brutalisierte Grenzpolitik des globalen Nordens ist kein isoliertes Ereignis, sondern das Ergebnis und zugleich der Motor einer autoritären Wende. Pushbacks, Dehumanisierung und das bewusste Sterbenlassen im Mittelmeer seien mittlerweile fast integraler Bestandteil des europäischen Außengrenzschutzes geworden.

Diese „neue Härte“ an den Grenzen gewöhnt die Bevölkerung an Formen der Entrechtung, die letztlich auch im Inneren der Gesellschaft Wirkung zeigen. Die Erosion des Völkerrechts in der Grenzpolitik bildet laut Kohlenberger ein Einfallstor für den Abbau anderer Rechte – von der Pressefreiheit bis hin zu LGBTQI-Rechten.

Das „Nullsummendenken“ als Motor des Populismus

Ein zentrales Problem der aktuellen Debatte ist das von Kohlenberger so bezeichnete „Nullsummendenken“: Die irrige Annahme, dass man selbst nur gewinnen kann, wenn ein anderer verliert. Rechtspopulistische Kräfte instrumentalisieren dieses Gefühl der Deprivation, um Sündenböcke zu generieren.

Dabei greift diese Migrationspanik längst auf die bürgerliche Mitte über. Kohlenberger skizziert dies anhand einer persönlichen Rahmenhandlung im Buch – der Begegnung mit einem erfolgreichen Manager, der trotz seines Wohlstands von tiefen Abstiegsängsten und Ressentiments getrieben ist.

Jenseits der Fakten: Die Macht der Gefühle

Kohlenberger betont, dass Fakten allein – wie etwa die wirtschaftliche Notwendigkeit von Zuwanderung aufgrund des demografischen Wandels – oft nicht ausreichen, um der Panikmache zu begegnen. Populismus funktioniere primär auf einer emotionalen Ebene.

  • Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit: Viele Menschen sehnen sich in einer hochgradig individualisierten und „atomisierten“ Welt nach radikaler Akzeptanz.
  • Die Falle der Pauschalisierung: Während konkrete Begegnungen mit Geflüchteten (etwa am Arbeitsplatz) oft positiv verlaufen, werden diese Erfahrungen im politischen Diskurs häufig als „Ausnahmen“ verbucht.

Wege aus der Krise: Utopien und Realpolitik

Als Lösungsansätze schlägt Kohlenberger unter anderem vor:

  1. Rückkehr zum Recht: Die konsequente Durchsetzung geltenden Völker- und Menschenrechts.
  2. Europäisierung der Asylpolitik: Die Verlagerung der Zuständigkeit auf die EU-Ebene, um den Nationalstaaten die Migrationsfrage als Feld für populistische Stimmungsmache zu entziehen .
  3. Fokus auf die lokale Ebene: Direkte Unterstützung für Städte und Kommunen („Sanctuary Cities“), die Kapazitäten und Bedarf für Aufnahme haben.

Judith Kohlenberger plädiert abschließend für Mut in der Politik. Es brauche eine Haltung, die Migration nicht nur als Problem, sondern als integralen Teil der europäischen Identität und des wirtschaftlichen Erfolgs begreift – und die es wagt, diese Position selbstbewusst zu vertreten.

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