Vom 2. August bis 25. Oktober 2026 zeigt das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) die erste umfassende Werkschau von Edmund Kesting. 227 Werke aus über 40 Sammlungen belegen, warum der Künstler als einer der innovativsten Grenzgänger zwischen Malerei, Fotografie und Objektkunst des 20. Jahrhunderts gilt – und warum er dennoch Jahrzehnte lang unsichtbar blieb.
Ein Leben voller Neuerfindungen
Zwischen 1914 und 1970 hat sich Edmund Kesting als Künstler immer wieder neu erfunden. Nach expressionistischen Anfängen während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg experimentierte er in den 1920er Jahren mit verschiedenen Techniken und bewegte sich stets zwischen Figuration und Abstraktion. Seine größte Innovation in dieser Zeit war die sogenannte Bildbauwerke genannte Werkgruppe: Kesting verlieh der Malerei physische räumliche Tiefe, indem er Leinwände vor und hinter den Keilrahmen verschränkte und reliefartige Collagen einsetzte. Damit überschritt er die traditionelle Vorstellung des Bildes und erweiterte die zweidimensionale Malerei in die dritte Dimension.
Fotografie, Chemie und informelle Freiheit
Gegen Ende der 1920er Jahre entdeckte Kesting die Fotografie als Ausdrucksmittel. Er entwickelte avantgardistische Techniken wie Mehrfachbelichtungen, Fotogramme und gezielte Eingriffe in den Belichtungsprozess. Nach dem Zweiten Weltkrieg verband er in seiner sogenannten chemischen Malerei Fotografie und Malerei miteinander. Ab den 1950er Jahren schuf er schließlich Werke in einer Ausdruckssprache, die der westeuropäischen informellen Kunst in nichts nachsteht. Kesting war damit stets ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen und Epochen.
Doppelte Ausgrenzung: Erst „entartet”, dann ignoriert
Ab 1933 wurde Kesting von den Nationalsozialisten als „entartet” diffamiert. Doch auch nach 1945 blieb er in der SBZ und späteren DDR unerwünscht: Seine Arbeiten wurden bis an sein Lebensende bei wichtigen Ausstellungen abgelehnt. Insgesamt vier seiner acht Lebensjahrzehnte konnte er aufgrund der ausgrenzenden Kulturpolitik in beiden deutschen Diktaturen nicht öffentlich ausstellen. Dies führte zu einer vollkommen unberechtigten Abwesenheit in der Kunstgeschichte und der musealen Wahrnehmung.
227 Werke aus vier Ländern: Die Retrospektive im Überblick
Die von Dr. Paul Kaiser und Thomas Bauer-Friedrich kuratierte Ausstellung präsentiert erstmals einen ganzheitlichen Blick auf Kestings vielgestaltiges Œuvre. 227 Werke aus mehr als 40 öffentlichen und privaten Sammlungen aus Deutschland, Belgien, Österreich und der Schweiz sind zu sehen. Die Schau ist in acht Kapitel gegliedert und lädt dazu ein, Kesting als eigenständige Position in der europäischen Moderne zu entdecken. Im Zentrum stehen seine Bildbauwerke der 1920er Jahre, die konstruktive Klarheit mit poetischer Offenheit verbinden. Viele dieser Werke sind erstmals überhaupt öffentlich als Leihgaben aus Privatbesitz zu sehen.
Mehr unter: www.kunstmuseum-moritzburg.de und www.kulturstiftung-st.de






