Wie bringt man ein Kunstmuseum auf eine Landwirtschaftsmesse? Markus Pawlick, Lehrgangsleiter für Industrial Design am GBS St.Gallen, hat gemeinsam mit seinen Studierenden die Antwort geliefert. Ihr Entwurf einer monumentalen Teppichcollage wurde zum Überraschungserfolg der Olma 2025. Im Interview blickt Pawlick hinter die Kulissen der Entstehung und erklärt, wie aus Archivbildern ein begehbares Paradies wurde.
Das Projekt bildete den Grundstein für die aktuelle Ausstellung «Stranger Than Paradise» im open art museum, die das Motiv der Collage nun in den musealen Raum überführt.
Die Vision: Kunst zum Begehen
Die Herausforderung war ebenso ungewöhnlich wie reizvoll: Das open art museum an der Olma zu präsentieren. Pawlick und sein Team wählten einen radikalen gestalterischen Ansatz:
- Die Teppichcollage: Statt klassischer Bilderrahmen an weißen Wänden entwickelten die Studierenden eine riesige textile Fläche. Bildausschnitte aus der Museumssammlung wurden neu kombiniert und am Boden sowie an den Wänden inszeniert.
- Das Material: Der Teppich als Medium schuf eine haptische Verbindung zum ländlichen Umfeld der Messe und lud die Besucher:innen ein, physisch in die Kunst einzutauchen.
- Interaktivität: Durch Fotowände und interaktive Elemente wurde das Publikum Teil der Inszenierung – ein bewusster Bruch mit der Distanz, die Museen oft ausstrahlen.
Der Arbeitsprozess: Dekonstruktion der Idylle
Im Interview beschreibt Markus Pawlick den intensiven Dialog mit den Werken der Sammlung. Viele der gezeigten Künstler:innen stammen selbst aus einem bäuerlichen Umfeld. Ihre Motive – Kühe, Alpen, Brauchtum – sind tief im kollektiven Gedächtnis der Ostschweiz verwurzelt.
- Sichtung: Tausende Bildmotive wurden nach ihrer emotionalen Wirkung und ihrer „olma-tauglichen“ Symbolik gescannt.
- Collage-Prinzip: Durch das Herausschneiden und Neu-Zusammensetzen entstanden Spannungsfelder. Was auf den ersten Blick vertraut wirkte, wurde in der Masse zur Übersteigerung.
- Publikumsreaktionen: Das Olma-Publikum reagierte mit Begeisterung auf die vertrauten, aber verfremdeten Sujets. Die Grenze zwischen hoher Kunst und volksnaher Ästhetik verschwamm.
Vom Messestand zum „Stranger Than Paradise“
Die aktuelle Ausstellung im open art museum führt diesen Gedanken nun weiter. Während der Teppich an der Olma die Idylle feierte, zeigt die Schau nun die Originale und thematisiert die Irritation:
- Die gebrochene Idylle: In der Zusammenschau der Werke offenbart sich, dass das „Paradies“ oft eine Konstruktion ist. Das Idyll bekommt Risse, wird ins Absurde geführt oder zeigt sich als Sehnsuchtsort einer Welt, die es so nie gab.
- Die gestalterische Klammer: Der Teppich bleibt als Symbol bestehen – er steht für die Vielstimmigkeit der Sammlung, die kein einheitliches Bild zeichnet, sondern eine faszinierende, bunte Collage menschlicher Sehnsüchte bleibt.
Idee | Regie: Tobias Stilz
Kamera | Schnitt: Noah Giezendanner
Das Interview wurde am 29. Januar 2026 im open art museum, St.Gallen aufgezeichnet.
Mehr unter: openartmuseum.ch





