Charles Ray im Fridericianum: Erste deutsche Einzelausstellung des Star-Bildhauers

Vom 22. August 2026 bis 3. Januar 2027 zeigt das Fridericianum in Kassel erstmals in Deutschland eine Einzelausstellung von Charles Ray. Der US-amerikanische Bildhauer, der bereits 1992 an der documenta 9 teilnahm, kehrt mit seinen Skulpturen an den Ort zurück, an dem sein figurativer Durchbruch begann – und schickt dabei alte Bekannte auf ein Stelldichein mit neuen Arbeiten.

Portrait von Charles Ray stehend. Ray trägt ein blaues T-Shirt, eine blaue Mütze und blickt in die Kamera. Seine Arme hängen seitlich.
Charles Ray
© Charles Ray | Foto / Photo: Josh White

Ein Werk, ein Ort, drei Jahrzehnte

Statt einer klassischen Werkschau hat Ray eine Ausstellung konzipiert, die gezielt auf seine Beziehung zum Fridericianum eingeht. Im Mittelpunkt steht dabei sein frühestes Werk im Schauraum: Oh! Charley, Charley, Charley…, jene 1992 für die documenta 9 geschaffene Gruppenskulptur, die den Künstler selbst in achtfacher Ausführung zeigt. Ray versteht diese Arbeit als Kehrseite von Brâncușis Der Kuss – während dort Zwei zu Einem verschmelzen, gibt es hier keinen Anderen, sondern nur die Projektion des Selbst.

Diesem frühen, provokativen Werk stellt Ray fast drei Jahrzehnte später entstandene Skulpturen gegenüber: Return to the One (2020), eine aus handgeschöpftem Papier geformte sitzende Figur, die philosophische Ideen der Introspektion verhandelt, sowie Clothes Pile (2020), eine bodennahe Aluminium-Skulptur abgelegter Kleidung, die fragt, was hohl, aber nicht leer sein kann.

Vom Edelstahl-Jungen bis zur Madonna

Im Mittelsaal steht mit Aluminum Girl (2003) Rays erste ausgereifte figurative Skulptur. Ihre Oberfläche verbindet das Natürliche mit dem Stilisierten und tritt dabei in einen Dialog mit der abstrakten Skulptur der Hochmoderne. Ihr gegenüber platziert Ray School Play (2014): eine überlebensgroße Edelstahl-Figur eines zwölfjährigen Jungen, der eine improvisierte Toga trägt. Ursprünglich in Ton und Gips modelliert, wurde die Skulptur mittels Robotertechnik maschinell gefräst.

Mit Boy with Frog (2009), ursprünglich für den öffentlichen Raum in Venedig konzipiert, zeigt Ray einen nackten Jungen in der Entdeckung der Welt. Dem neugierigen Kind stellt das Fridericianum nun eine bislang noch nie ausgestellte Skulptur gegenüber: Madonna and Child (2026) greift traditionelle christliche Ikonografie auf und überträgt sie in Rays zeitgenössische Bildsprache.

Tierisches in Beton, Bronze und Stahl

In jenem Saal, den Ray bereits 1992 für die documenta bespielte, werden drei weitere Skulpturen erstmals der Öffentlichkeit präsentiert: Bull (2026), ein aus Beton gegossener Stier, Flounder (2021), eine bronzene Skulptur auf kubischem Sockel, sowie Mountain Lion Attacking a Dog (2018) aus Edelstahl. Letztere zeigt mit klaren Referenzen zur Antike den brutalen Moment eines Tötungsaktes.

Skulptur ein weiß eines jungen Mannes, der auf einem weißen Block sitzt. Die Beine hängen herab, berühren aber nicht den Boden. Er ist leicht nach hinten gelehnt und stützt sich auf seine Hände.
Charles Ray: Return to the one, 2020
Foto / Photo: Josh White | © Charles Ray
Courtesy Matthew Marks Gallery

Zwischen Handwerk und High-Tech

Charles Ray, 1953 in Chicago geboren und seit 1981 in Los Angeles lebend, gilt als einer der wichtigsten Bildhauer seiner Generation. Seit über fünf Jahrzehnten erweitert er das Möglichkeitsspektrum der Skulptur – einerseits durch konzeptionelle Schritte, andererseits durch den Einsatz innovativer handwerklicher wie komplexer maschineller Fertigungsverfahren. Seine Werke loten skulpturale Struktur, Proportion, Raum und Masse aus und reflektieren zugleich Konsum- und Medienkultur sowie Fragen menschlicher Existenz.

Neben der documenta 9 war Ray bei drei Ausgaben der Biennale von Venedig und sechs Whitney-Biennalen in New York vertreten. Große Einzelausstellungen fanden zuletzt unter anderem im Kunstmuseum Basel, im Art Institute of Chicago, im Metropolitan Museum of Art New York sowie im Centre Pompidou und der Pinault Collection in Paris statt.

Mehr unter: fridericianum.org

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