Wolfgang Wagner-Kutschker im Gerhard-Marcks-Haus Bremen

Schwarze, glänzende Platten, geometrische Formen und Konstruktionen, die scheinbar der Schwerkraft trotzen: Das Gerhard-Marcks-Haus in Bremen widmet dem Künstler Wolfgang Wagner-Kutschker (1949) die Ausstellung „mit viel Gefühl“. Seine abstrakten Boden- und Wandskulpturen verbinden strenge Formen mit überraschender Leichtigkeit, Humor und einem ausgeprägten Gespür für Balance. Dabei zeigt sich, dass hinter den zunächst kühl wirkenden Kunstwerken ein intuitiver und körperlich geprägter Gestaltungsprozess steckt.

Wolfgang Wagner-Kutschker: Abstrakte Skulpturen mit eigenem Charakter

Auf den ersten Blick erscheinen die Werke von Wolfgang Wagner-Kutschker streng und unnahbar. Ihre kantigen Formen und tiefschwarz glänzenden Oberflächen vermitteln zunächst den Eindruck einer sachlichen, geometrischen Kunst. Doch dieser Eindruck verändert sich bei genauerer Betrachtung. Die Plattenskulpturen entwickeln eine eigene räumliche Präsenz. Sie scheinen sich zu bewegen, aufeinander zu reagieren oder in einem empfindlichen Gleichgewicht zu verharren.

Der Ausstellungstitel „mit viel Gefühl“ verweist auf diese überraschende Seite der Arbeiten. Denn Wagner-Kutschkers Skulpturen entstehen nicht allein aus formalen Überlegungen. Sie beruhen ebenso auf Intuition, körperlicher Erfahrung und einem spielerischen Umgang mit Material und Raum.

Geometrische Formen zwischen Stabilität und Bewegung

Im Mittelpunkt von Wagner-Kutschkers künstlerischer Arbeit stehen quadratische Platten, die er zu abstrakten Boden- und Wandskulpturen zusammensetzt. Mal liegen die einzelnen Elemente übereinander, mal berühren sie sich nur an wenigen Punkten. Andere Konstruktionen wirken, als würden sich die Platten auffalten, gegeneinander verschieben oder auseinanderstreben. Aus einfachen geometrischen Grundformen entstehen dadurch komplexe räumliche Gebilde.

Besonders auffällig ist das Verhältnis zwischen Stabilität und Bewegung. Obwohl die Skulpturen unbeweglich sind, vermitteln ihre Anordnungen häufig den Eindruck einer Handlung oder einer momentanen körperlichen Haltung. Die einzelnen Elemente scheinen miteinander in Beziehung zu stehen und erzeugen so eine Spannung, die über die reine geometrische Form hinausgeht.

Schwerkraft und Balance als künstlerische Gestaltungsmittel

Ein wesentliches Merkmal der Skulpturen ist ihr scheinbar fragiles Gleichgewicht. Wolfgang Wagner-Kutschker beschäftigt sich mit der Frage, wie einzelne Elemente aufeinander ruhen, sich gegenseitig stützen oder nur durch wenige Kontaktpunkte miteinander verbunden sind. Dabei verzichtet der Künstler auf mathematische Berechnungen als Grundlage seiner Konstruktionen. Stattdessen erprobt er die Balance unmittelbar im Arbeitsprozess.

Eine wichtige Rolle spielt dabei seine eigene körperliche Erfahrung: Wagner-Kutschker war früher ein versierter Kunstturner. Das Wissen um Körperspannung, Gewichtsverlagerung und Gleichgewicht fließt in seine plastischen Arbeiten ein. Ähnlich wie beim Turnen entsteht die Wirkung durch das Zusammenspiel von Kraft, Präzision und kontrollierter Bewegung. Die Skulpturen machen diese körperlichen Erfahrungen auf abstrakte Weise sichtbar.

Schwarze Oberflächen und die Wirkung des Lichts

Neben Form und Gleichgewicht bestimmt die Oberfläche die Wahrnehmung der Werke. Die tiefschwarz glänzenden Platten reflektieren das einfallende Licht und verändern ihre Erscheinung abhängig vom Standort der Betrachtenden. Dadurch entstehen wechselnde Kontraste zwischen beleuchteten Flächen, Spiegelungen und dunklen Bereichen. Auch das Verhältnis von Innen und Außen wird zu einem wichtigen Bestandteil der Gestaltung.

Zwischenräume, Kanten und Öffnungen lassen die Skulpturen aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder anders erscheinen. Die Werke beziehen damit ihre Umgebung in die Wahrnehmung ein. Nicht nur die einzelnen Platten, sondern auch der Raum zwischen ihnen trägt zur Gesamtwirkung bei.

Wenn abstrakte Skulpturen an menschliche Körper erinnern

Obwohl Wagner-Kutschker mit geometrischen Formen arbeitet, können seine Skulpturen vielfältige gegenständliche Assoziationen auslösen. Übereinandergeschichtete Platten erinnern mitunter an Körperhaltungen, Bewegungen oder zwischenmenschliche Beziehungen. Einzelne Elemente scheinen sich einander zuzuwenden, sich gegenseitig zu tragen oder voneinander zu entfernen.

Diese Eindrücke entstehen jedoch nicht durch eine konkrete figürliche Darstellung. Vielmehr nutzt der Künstler die Möglichkeiten der abstrakten Form, um unterschiedliche Vorstellungen hervorzurufen. Gerade darin liegt eine Besonderheit seiner Arbeiten: Sie bleiben geometrische Konstruktionen und eröffnen zugleich einen Spielraum für persönliche Deutungen. Die Betrachtenden können in ihnen Bewegung, Spannung, Humor oder auch eine gewisse Verletzlichkeit entdecken.

Humor und Intuition in der zeitgenössischen Bildhauerei

Die Ausstellung „mit viel Gefühl“ macht deutlich, dass abstrakte Kunst nicht zwangsläufig distanziert oder rein rational sein muss. Wolfgang Wagner-Kutschker verbindet seine geometrische Formensprache mit einem spielerischen Ansatz. Die ungewöhnlichen Stapelungen und Berührungspunkte seiner Platten wirken gelegentlich beinahe augenzwinkernd. Dabei entsteht der Humor nicht durch erzählerische Motive, sondern aus den überraschenden Beziehungen zwischen den einzelnen Formen.

Der Künstler untersucht, wie weit sich Konstruktionen ausbalancieren lassen und welche räumlichen Wirkungen durch minimale Veränderungen entstehen. Seine Skulpturen stehen damit für eine Form der Bildhauerei, in der Materialerfahrung und körperliches Empfinden eine ebenso wichtige Rolle spielen wie formale Gestaltung.

Gerhard-Marcks-Haus Bremen zeigt zeitgenössische Skulptur

Das Gerhard-Marcks-Haus gehört zu den Museen, die sich besonders intensiv mit Bildhauerei und plastischer Kunst beschäftigen. Benannt ist es nach dem deutschen Bildhauer Gerhard Marcks (1889–1981), dessen Werk einen zentralen Bestandteil der Sammlung bildet. Neben der Auseinandersetzung mit historischer Bildhauerei präsentiert das Museum regelmäßig zeitgenössische künstlerische Positionen.

Mit Wolfgang Wagner-Kutschker rückt ein Bremer Künstler in den Mittelpunkt, der die Möglichkeiten abstrakter Skulptur auf eigenständige Weise untersucht. Seine Arbeiten zeigen, wie sich aus wenigen geometrischen Elementen komplexe Beziehungen zwischen Körper, Material und Raum entwickeln lassen. Die Ausstellung lädt dazu ein, die schwarzen Plattenskulpturen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und ihre scheinbar einfachen Konstruktionen als vielschichtige räumliche Gebilde zu entdecken.

Mehr unter: marcks.de/

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