Wie Infrarotbilder, Drohnen und KI unseren Blick verändern | Richard Mosse im Gespräch mit Max Clausen / ZKM

Wie lässt sich Krieg fotografisch darstellen, ohne die vertrauten Bilder des Fotojournalismus zu wiederholen? Der irische Künstler Richard Mosse beschäftigt sich seit Jahren mit den Grenzen der Kriegsfotografie und dem Einsatz militärischer Bildtechnologien. In einem Gespräch mit Max Clausen vom ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe spricht er über seine frühen Arbeiten in Bosnien, Gaza und im Irak, seine berühmte Infrarotserie „Infra“ aus dem Ostkongo und ein neues Projekt zum Krieg in der Ukraine. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie technische Bilder unsere Wahrnehmung von Gewalt, Zerstörung und militärischen Konflikten beeinflussen.

Richard Mosse: Zwischen Kriegsfotografie und zeitgenössischer Kunst

Der irische Künstler Richard Mosse (*1980) zählt zu den international bekannten Positionen einer Fotografie, die sich mit politischen Konflikten und den Grenzen dokumentarischer Bilder auseinandersetzt. Seine Arbeiten verbinden fotografische Dokumentation mit experimentellen Bildverfahren. Dabei interessiert ihn besonders, wie technische Medien bestimmen, was sichtbar wird und was außerhalb unserer Wahrnehmung bleibt.

Im Gespräch mit Max Clausen vom ZKM | Zentrum für Kunst und Medien erläutert Mosse seinen künstlerischen Werdegang. Er berichtet, wie er zur Fotografie kam und weshalb er sich bereits früh von den traditionellen Bildkonventionen des Fotojournalismus entfernte. Für Mosse reicht die bloße Dokumentation eines Konflikts nicht aus, um dessen politische und menschliche Dimensionen verständlich zu machen. Stattdessen untersucht er, wie ungewöhnliche fotografische Verfahren neue Fragen aufwerfen und vertraute Sehgewohnheiten durchbrechen können.

Frühe Fotografien aus Bosnien, Gaza und dem Irak

Zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn beschäftigte sich Richard Mosse mit verschiedenen Konfliktregionen. Seine frühen Arbeiten führten ihn unter anderem nach Bosnien, Gaza und in den Irak. Dort setzte er sich mit den Folgen von Krieg, Gewalt und politischer Instabilität auseinander. Dabei wurde für ihn zunehmend die Frage wichtig, wie fotografische Bilder Konflikte vermitteln und welche Grenzen die klassische Kriegsberichterstattung besitzt.

Der Fotojournalismus arbeitet häufig mit Bildmotiven, die unmittelbar als Zeichen von Krieg erkennbar sind: zerstörte Gebäude, bewaffnete Soldaten oder Menschen auf der Flucht. Mosse interessiert sich dagegen für Situationen und Zusammenhänge, die sich solchen etablierten Darstellungsformen entziehen. Seine künstlerische Herangehensweise zielt darauf, nicht nur das Geschehen zu dokumentieren, sondern auch die Bedingungen seiner fotografischen Darstellung sichtbar zu machen.

„Infra“: Wie Richard Mosse den Krieg im Kongo in Pink fotografierte

International bekannt wurde Richard Mosse insbesondere durch seine Serie „Infra“, die im Osten der Demokratischen Republik Kongo entstand. Für diese Arbeiten verwendete er den Farb-Infrarotfilm Kodak Aerochrome. Das ursprünglich für Luftbildaufnahmen und militärische Aufklärungszwecke entwickelte Filmmaterial zeichnet bestimmte Bereiche des Lichtspektrums auf, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind.

Die Bilder wirken auf den ersten Blick ästhetisch anziehend, obwohl sie in einer Region entstanden, die seit Jahrzehnten von bewaffneten Konflikten und schwerer Gewalt geprägt ist. Dieser Gegensatz zwischen visueller Schönheit und politischer Realität gehört zu den zentralen Spannungen der Serie. Mosse setzt die auffällige Farbigkeit bewusst ein, um die gewohnten Sehweisen der Kriegsfotografie infrage zu stellen.

Kodak Aerochrome: Militärtechnik als künstlerisches Werkzeug

Der Einsatz von Kodak Aerochrome ist mehr als ein fotografischer Effekt. Der Film wurde ursprünglich unter anderem für die Luftaufklärung und zur Erkennung von Vegetationsunterschieden entwickelt. Mosse überführt damit eine Technologie aus einem militärisch geprägten Anwendungsbereich in die zeitgenössische Kunst. Die Kamera zeigt eine Welt, die dem menschlichen Auge in dieser Form verborgen bleibt.

Gleichzeitig entsteht ein Bild, das sich deutlich von der vermeintlichen Neutralität traditioneller dokumentarischer Fotografie unterscheidet. Die ungewöhnlichen Farben machen sichtbar, dass jede fotografische Darstellung durch technische und gestalterische Entscheidungen geprägt ist. So stellt Mosse grundlegende Fragen nach dem Wahrheitsanspruch fotografischer Bilder. Denn auch eine Aufnahme, die reale Ereignisse oder Orte zeigt, ist immer das Ergebnis eines bestimmten technischen Blicks.

Krieg in der Ukraine: Fotografieren mit einer historischen Zeiss-Luftbildkamera

Im Gespräch mit dem ZKM gibt Richard Mosse auch Einblicke in ein neues künstlerisches Vorhaben, das sich mit dem Krieg in der Ukraine beschäftigt. Dafür möchte er eine Luftaufklärungskamera von Carl Zeiss aus den 1970er-Jahren einsetzen. Die Kamera wurde ursprünglich für eine frühe Form unbemannter Fluggeräte entwickelt. Mit dieser historischen Technologie will Mosse untersuchen, wie sich die Wahrnehmung des Krieges durch den Blick aus der Luft verändert.

Anders als bei seinen Infrarotarbeiten im Kongo steht dabei besonders die Beziehung zwischen fotografischer Aufklärung, militärischer Überwachung und moderner Kriegsführung im Mittelpunkt. Das Vorhaben knüpft an seine langjährige Beschäftigung mit Technologien an, die ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt wurden. Zugleich richtet es den Blick auf einen Konflikt, in dem unbemannte Systeme eine zentrale Rolle spielen.

Drohnen und künstliche Intelligenz verändern die Kriegsführung

Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie stark Drohnen und digitale Bildsysteme die militärische Praxis verändert haben. Unbemannte Fluggeräte dienen der Aufklärung, der Beobachtung von Bewegungen und der Steuerung militärischer Einsätze. Sie werden auch unmittelbar als Waffensysteme eingesetzt. Dabei entstehen große Mengen visueller Daten, die zunehmend mit digitalen Verfahren ausgewertet werden.

Künstliche Intelligenz und automatisierte Bilderkennung können helfen, Objekte zu klassifizieren oder auffällige Muster in Aufnahmen zu erkennen. Diese Technologien verändern nicht nur militärische Abläufe, sondern auch die Rolle des Bildes. Fotografien und Videoaufnahmen dienen nicht mehr ausschließlich dazu, Ereignisse zu dokumentieren oder Informationen an Menschen zu vermitteln. Sie werden zunehmend Bestandteil technischer Systeme, in denen Bilder ausgewertet und für Entscheidungen genutzt werden. Mosses künstlerische Auseinandersetzung richtet sich auf diesen Wandel zwischen menschlicher Wahrnehmung und maschineller Bildverarbeitung.

Wenn Maschinen Bilder auswerten: Die Grenzen menschlicher Wahrnehmung

Traditionell ist Fotografie eng mit dem menschlichen Sehen verbunden. Ein Bild wird aufgenommen, betrachtet und interpretiert. Mit automatisierten Überwachungssystemen und KI-gestützter Bildanalyse verändert sich dieses Verhältnis. Digitale Bilder können heute von Maschinen verarbeitet werden, ohne dass ein Mensch jedes einzelne Bild betrachten muss. Damit stellt sich die Frage, für wen Bilder überhaupt entstehen und welchen Zweck sie erfüllen.

In militärischen Zusammenhängen können Aufnahmen gleichzeitig der Beobachtung, der Zielerkennung und der Dokumentation dienen. Richard Mosse interessiert sich für die Konsequenzen dieser technischen Entwicklung. Seine Arbeiten untersuchen, wie sich das Verhältnis zwischen Sichtbarkeit, Wissen und Macht verändert, wenn fotografische Technologien nicht nur beobachten, sondern Teil militärischer Handlungssysteme werden.

Was können Fotografien von Krieg und Zerstörung vermitteln?

Eine zentrale Frage des Gesprächs betrifft die Möglichkeiten und Grenzen fotografischer Darstellung. Kriegsbilder können dokumentieren, informieren und auf menschliches Leid aufmerksam machen. Gleichzeitig bleiben viele Ursachen und Folgen bewaffneter Konflikte außerhalb des sichtbaren Bildausschnitts. Politische Interessen, historische Entwicklungen und individuelle Erfahrungen lassen sich nicht immer durch einzelne Fotografien vermitteln. Hinzu kommt, dass sich die öffentliche Wahrnehmung von Gewalt durch die ständige Verfügbarkeit entsprechender Bilder verändern kann.

Richard Mosse reagiert darauf mit fotografischen Verfahren, die bewusst irritieren. Seine Arbeiten sollen nicht nur zeigen, sondern auch die Bedingungen des Sehens selbst zum Thema machen. Dadurch entsteht eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Bilder unsere Vorstellungen von Krieg prägen und welche Verantwortung mit ihrer Herstellung und Verbreitung verbunden ist.

Interview & Schnitt: Max Clausen
Kamera: Andy Koch & Seline Herzog

Mehr unter: zkm.de

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