Karl Hofer – Zwischen Schönheit und Wahrheit: Große Ausstellung in Bietigheim-Bissingen

Das Gemälde zeigt fünf Männer, die sich um einen kleinen Holztisch versammelt haben. Drei von ihnen sitzen am Tisch und halten Spielkarten in den Händen. Zwei weitere Männer stehen dahinter und beobachten das Spiel. Die Figuren tragen schlichte Jacken und verschiedenfarbige Mützen.
Karl Hofer, Kartenspieler, 1924, Sammlung Arthouse. Foto: Sophia Kesting, Leipzig

Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen widmet dem deutschen Maler Karl Hofer (1878–1955) vom 7. November 2026 bis zum 28. Februar 2027 eine große Einzelausstellung. Unter dem Titel „Karl Hofer – Zwischen Schönheit und Wahrheit“ sind rund 80 Gemälde aus mehr als fünf Jahrzehnten zu sehen. Die Retrospektive beleuchtet Hofers eigenständige Position zwischen Expressionismus, Neuer Sachlichkeit und Magischem Realismus sowie seine Auseinandersetzung mit dem Menschen, politischen Umbrüchen und den künstlerischen Debatten der Nachkriegszeit.

Karl Hofer: Ein bedeutender Maler der deutschen Moderne

Karl Hofer zählt zu den prägenden Vertretern der figurativen Malerei des 20. Jahrhunderts in Deutschland. In seinem Werk entwickelte er eine unverwechselbare Bildsprache, die sich keiner einzelnen Kunstrichtung eindeutig zuordnen lässt. Seine Gemälde verbinden Einflüsse des Expressionismus mit der sachlichen Formensprache der Neuen Sachlichkeit und einer häufig rätselhaften, symbolisch aufgeladenen Bildwelt, die an den Magischen Realismus erinnert.

Im Mittelpunkt steht immer wieder der Mensch. Hofer beschäftigte sich mit grundlegenden Fragen menschlicher Existenz und suchte nach einer bildnerischen Wahrheit jenseits kurzlebiger Moden und politischer Strömungen. Seine Figuren erscheinen häufig nachdenklich, isoliert oder in sich gekehrt. Mit reduzierten Gesten, klaren Kompositionen und einer zurückhaltenden Dramatik verlieh Hofer seinen Darstellungen eine besondere emotionale Intensität.

Die Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen zeichnet diese künstlerische Entwicklung anhand von Werken aus den Jahren 1900 bis 1955 nach.

Zwischen Expressionismus, Neuer Sachlichkeit und Magischem Realismus

Ein Gemälde mit mehreren maskenhaft wirkenden Figuren vor einem dunklen, braunschwarzen Hintergrund. Im Mittelpunkt steht ein Harlekin in einem bunten Kostüm aus geometrischen Farbfläche.
Karl Hofer, Harlekine, 1923/24, Sammlung Arthouse. Foto: Sophia Kesting, Leipzig

Hofers künstlerisches Schaffen entstand in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und ästhetischer Veränderungen. Während sich die moderne Kunst zunehmend von traditionellen Darstellungsformen entfernte, blieb die menschliche Figur für ihn ein zentrales Ausdrucksmittel. Dabei ging es Hofer nicht um eine möglichst wirklichkeitsgetreue Wiedergabe seiner Modelle. Vielmehr versuchte er, innere Zustände, zwischenmenschliche Spannungen und existenzielle Erfahrungen sichtbar zu machen. Seine Bildwelten sind häufig von einer stillen, beinahe zeitlosen Atmosphäre geprägt. Die dargestellten Personen wirken zugleich gegenwärtig und entrückt.

Neben Porträts und Figurendarstellungen entstanden Landschaftsgemälde und Stillleben, in denen sich Hofers Interesse an Komposition, Farbe und symbolischer Bedeutung ebenfalls zeigt. Die Ausstellung macht deutlich, wie konsequent der Künstler seine individuelle Bildsprache über mehrere Jahrzehnte weiterentwickelte.

Kunst und Nationalsozialismus: Hofers Haltung gegen die NS-Ideologie

Karl Hofers Biografie ist eng mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verbunden. Bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wandte sich der Künstler gegen die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten. Während der NS-Diktatur geriet seine Kunst zunehmend unter politischen Druck. Seine Werke wurden als „entartet“ diffamiert, und seine beruflichen Möglichkeiten wurden erheblich eingeschränkt.

Die Erfahrungen dieser Jahre und die gesellschaftlichen Verwerfungen seiner Zeit hinterließen Spuren in seinem künstlerischen Schaffen. Hofers Bilder lassen sich dabei nicht ausschließlich als unmittelbare politische Stellungnahmen verstehen. Vielmehr kreisen sie um Themen wie Würde, Verletzlichkeit, Einsamkeit und die Gefährdung menschlicher Existenz. Gerade diese Verbindung von persönlicher Erfahrung und allgemeingültigen menschlichen Fragen gehört zu den zentralen Merkmalen seines Werks.

Figuration oder Abstraktion? Karl Hofer und Willy Baumeister

Das hochformatige Gemälde zeigt eine junge Frau, die frontal vor einem dunklen, rotbraunen Hintergrund steht. Sie trägt einen hellen, weißlich cremefarbenen, ärmellosen Einteiler mit kurzen Hosenbeinen. Ihre Arme sind über den Kopf gehoben, die Hände liegen auf ihrem dunklen Haar.
Karl Hofer, Mädchen mit erhobenen Armen, 1941, Sammlung Arthouse. Foto: Sophia Kesting, Leipzig

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Hofer eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau des deutschen Kunstlebens ein. Als Direktor der Hochschule für bildende Künste in Berlin beteiligte er sich maßgeblich an den Diskussionen über die künstlerische Neuausrichtung Deutschlands. Besonders prägend war die Auseinandersetzung zwischen gegenständlicher und abstrakter Kunst.

Während sich die ungegenständliche Malerei in Westdeutschland zunehmend als Ausdruck künstlerischer Freiheit und demokratischer Erneuerung etablierte, verteidigte Hofer die Bedeutung der menschlichen Figur und der gegenständlichen Darstellung. Dabei geriet er unter anderem in Opposition zum Künstler Willi Baumeister (1889–1955), einem wichtigen Vertreter der abstrakten Moderne. Die Debatte ging über ästhetische Fragen hinaus. Sie berührte auch die Rolle der Kunst in einer Gesellschaft, die nach der nationalsozialistischen Diktatur nach neuen kulturellen und politischen Orientierungen suchte. Die Ausstellung greift diese Kontroverse auf und ergänzt Hofers Gemälde durch ausgewählte Werke von Künstlerkollegen aus West- und Ostdeutschland.

Rund 80 Gemälde zeigen Hofers künstlerische Entwicklung von 1900 bis 1955

Mit rund 80 Gemälden bietet „Karl Hofer – Zwischen Schönheit und Wahrheit“ einen umfangreichen Überblick über das Lebenswerk des Malers. Die Präsentation umfasst Arbeiten aus der frühen Schaffensphase ebenso wie Gemälde aus der Zeit der Weimarer Republik, der nationalsozialistischen Diktatur und den Nachkriegsjahren. Dadurch wird nachvollziehbar, wie sich Hofers Bildsprache im Laufe seines Lebens veränderte und welche Themen ihn über Jahrzehnte hinweg beschäftigten.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Spannungsverhältnis zwischen ästhetischer Gestaltung und menschlicher Erfahrung, das bereits im Ausstellungstitel anklingt. Die Werke stammen überwiegend aus der Hofer-Kollektion der Sammlung Arthouse. Ergänzt wird dieser Bestand durch ausgewählte Leihgaben. Auch die Arbeiten anderer Künstler erweitern den kunsthistorischen Kontext und verdeutlichen die unterschiedlichen Positionen innerhalb der deutschen Nachkriegsmoderne.

Kooperation mehrerer Kunstmuseen für die Karl-Hofer-Ausstellung

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen mehreren deutschen Kulturinstitutionen. Beteiligt sind neben der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Schloss Achberg und die Kunsthalle Rostock. Die Kooperation ermöglicht es, Hofers Werk in größerem Umfang zu präsentieren und zugleich seine kunsthistorische Bedeutung neu zu beleuchten.

Mit der Ausstellung rückt die Städtische Galerie einen Künstler in den Mittelpunkt, dessen Werk wichtige Entwicklungen der deutschen Moderne widerspiegelt. Zugleich eröffnet die Retrospektive einen Blick auf grundlegende Fragen der Kunstgeschichte: Wie lässt sich menschliche Erfahrung bildlich darstellen? Welche Bedeutung hat gegenständliche Malerei in einer zunehmend abstrakten Kunstwelt? Und wie verändern politische Umbrüche die künstlerische Ausdrucksweise?

Mehr unter: galerie.bietigheim-bissingen.de

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