Kannibalismus zwischen Archäologie, Popkultur und Psychologie: Vortrag im LWL-Museum Herne

Warum fasziniert das Thema Kannibalismus die Menschen seit Jahrhunderten? Welche archäologischen Belege gibt es für den Verzehr menschlichen Fleisches, und wie entstand das Bild des „grausamen Kannibalen“ in Literatur und Film? Eine Vortragsveranstaltung im LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne widmet sich diesen Fragen aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Die Aufzeichnung vom 15. Oktober 2026 verbindet archäologische Forschung, Mediengeschichte und Psychologie.

Kannibalismus als Forschungsgegenstand: Zwischen Fakten und Mythen

Kannibalismus gehört zu den Themen, die gleichermaßen Abscheu und Neugier auslösen. Die Vorstellung, dass Menschen andere Menschen verzehren, findet sich in historischen Berichten, ethnografischen Darstellungen, literarischen Erzählungen und zahlreichen Filmen. Doch wie viel davon ist historisch belegt, und welche Vorstellungen beruhen auf Vorurteilen oder bewusster Übertreibung?

Diesen Fragen gehen drei Referierende in einem öffentlichen Vortrag des LWL-Museums für Archäologie und Kultur nach. Die Veranstaltung bringt unterschiedliche wissenschaftliche und kulturelle Perspektiven zusammen. Dabei wird Kannibalismus nicht ausschließlich als historisches Phänomen betrachtet, sondern auch als gesellschaftliches Tabu, mediales Motiv und Gegenstand psychologischer Forschung.

Archäologie und Kannibalismus: Aßen Neandertaler tatsächlich Menschen?

Die Historikerin und Museumsführerin Tabea Marina Doll beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Archäologie und Kannibalismus. Eine zentrale Frage ihres Vortrags lautet: Gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass bereits Neandertaler Menschenfleisch verzehrten?

Archäologische Funde können Hinweise auf die Behandlung menschlicher Überreste liefern. Dazu gehören beispielsweise Schnittspuren an Knochen, bestimmte Bruchmuster oder Bearbeitungsspuren, die mit der Zerlegung von Tierkörpern vergleichbar sind. Solche Befunde müssen jedoch sorgfältig interpretiert werden. Nicht jede Veränderung an menschlichen Knochen ist ein Beweis für Kannibalismus. Auch Bestattungspraktiken, rituelle Handlungen und andere Prozesse können ähnliche Spuren hinterlassen. Der Vortrag beleuchtet deshalb nicht nur mögliche archäologische Nachweise, sondern auch die Entstehung und Verbreitung historischer Vorstellungen über Kannibalismus.

Kannibalismus in Horrorfilmen und Popkultur

Der Historiker, Medienwissenschaftler und Museumsführer Kai G. Bernhardt untersucht die Darstellung von Kannibalismus in der Popkultur. Sein Vortrag mit dem Titel „Pop-Kultur, Medienwissenschaft & Kannibalismus“ beschäftigt sich mit der Frage, wie historische Erzählungen und stereotype Vorstellungen in moderne Medien übernommen wurden.

Ein Beispiel ist der italienische Horrorfilm Nackt und zerfleischt.vDer Film greift das Motiv des vermeintlich grausamen, menschenfressenden Fremden auf und verbindet es mit drastischen Gewaltdarstellungen.vBernhardt betrachtet solche Produktionen vor dem Hintergrund ihrer historischen Vorbilder und der darin erkennbaren rassistischen Stereotype. Dabei geht es auch um die psychologischen Mechanismen des Horrorgenres: Warum lösen bestimmte Bilder besonders starke Ängste aus? Und weshalb wird Kannibalismus immer wieder als Mittel eingesetzt, um gesellschaftliche Grenzen und Tabus darzustellen?

Der Mythos des „Kannibalen“ und seine koloniale Geschichte

Die Bezeichnung „Kannibale“ ist eng mit europäischen Vorstellungen von fremden Gesellschaften verbunden. Besonders während der kolonialen Expansion wurden Berichte über angeblichen Kannibalismus genutzt, um Bevölkerungsgruppen als „wild“ oder „unzivilisiert“ darzustellen. Solche Zuschreibungen konnten dazu dienen, kulturelle Unterschiede zu überzeichnen und koloniale Herrschaft zu rechtfertigen.

Dabei ist zwischen tatsächlich dokumentierten Praktiken, ungesicherten Berichten und politisch motivierten Anschuldigungen zu unterscheiden. Die historische Auseinandersetzung mit Kannibalismus betrifft deshalb nicht nur die Frage, ob Menschen andere Menschen gegessen haben. Sie untersucht auch, wer entsprechende Vorwürfe erhob, welche Interessen dahinterstanden und wie daraus langlebige gesellschaftliche Bilder entstanden.

Von historischen Erzählungen zum modernen Horrorfilm

Kannibalismus ist ein wiederkehrendes Motiv in Filmen, Romanen und anderen Medien. Die Darstellungen reichen von Erzählungen über vermeintlich gefährliche, fremde Gemeinschaften bis zu fiktiven Figuren, deren Gewaltverhalten psychologisch erklärt werden soll. Dabei verändert sich das Motiv abhängig vom jeweiligen gesellschaftlichen Kontext.

Während ältere Darstellungen häufig von kolonialen Vorstellungen geprägt waren, setzen moderne Produktionen Kannibalismus auch als Symbol für Kontrollverlust, Entmenschlichung oder die Überschreitung moralischer Grenzen ein. Der Vortrag verdeutlicht, wie eng solche Bilder mit gesellschaftlichen Ängsten und kulturell überlieferten Vorstellungen verbunden sind.

Psychologie des Kannibalismus: Tabus, Ängste und Vorarephilie

Der Schriftsteller, Psychologe und Psychotherapeut Tom C. Winter nähert sich dem Thema aus psychologischer Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum die Vorstellung des Kannibalismus bei den meisten Menschen starke Abwehrreaktionen auslöst, während sie in bestimmten Fantasien eine andere Bedeutung annehmen kann.

Der Vortrag eröffnet damit einen Zugang zu psychologischen Fragen rund um Ekel, Fantasie, Sexualität und gesellschaftliche Tabus.

Warum Kannibalismus bis heute fasziniert

Die drei Vorträge zeigen, wie unterschiedlich sich das Thema Kannibalismus untersuchen lässt. Die Archäologie fragt nach materiellen Belegen und historischen Lebensweisen. Die Medienwissenschaft analysiert die Entstehung und Wirkung kultureller Bilder. Die Psychologie beschäftigt sich mit individuellen Reaktionen, Fantasien und der Bedeutung gesellschaftlicher Verbote.

Gemeinsam verdeutlichen diese Perspektiven, dass die Faszination für Kannibalismus weit über die tatsächliche Praxis hinausgeht. Das Thema berührt grundlegende Vorstellungen von Menschlichkeit, Gewalt, Fremdheit und moralischen Grenzen. Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen wissenschaftlich belegten Erkenntnissen, historischen Vorurteilen und fiktionalen Darstellungen zu unterscheiden.

Vortragsaufzeichnung aus dem LWL-Museum für Archäologie und Kultur

Die Videoaufzeichnung dokumentiert die öffentliche Vortragsveranstaltung vom 15. Oktober 2026 im LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne.

Mit Tabea Marina Doll, Kai G. Bernhardt und Tom C. Winter kommen drei Fachleute zu Wort, die das Thema aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln betrachten. Die Veranstaltung zeigt, wie archäologische Forschung mit kultur- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen verbunden werden kann und wie historische Vorstellungen bis heute die Wahrnehmung eines gesellschaftlichen Tabuthemas prägen.

Mehr unter: www.lwl-landesmuseum-herne.de

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