Die Bundeskunsthalle in Bonn präsentiert mit der vierten Ausgabe von „Interactions“ ein Format, das den klassischen Kontext musealer Kunstbetrachtung bewusst aufbricht. Anstatt Distanz zu wahren, sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, die Werke aktiv zu nutzen und mit ihnen zu interagieren. Die Ausstellung bespielt dabei Orte, die normalerweise nicht im Fokus der Kunst stehen, vom Foyer bis hin zum markanten Dach des Gebäudes.
Sportliche Historie und skulpturale Wellen
Ein zentrales Werk der Schau ist die Installation Run Run Run. Sie verbindet autobiographische Bezüge mit Sporthistorie: Inspiriert von seinem Vater, einem Olympialäufer bei den Sommerspielen 1968 in Mexiko, verwendet der Künstler originales Tartan-Material in den Farben jener Ära. Der Grundriss einer Stadion-Laufbahn wurde eins zu eins über die Architektur der Bundeskunsthalle gelegt, wodurch sich dynamische Perspektiven über mehrere Ebenen hinweg ergeben – vom Dach bis tief in den Eingangsbereich.
Einen anderen physischen Zugang bietet die Arbeit Onda (portugiesisch für „Welle“). Die Skulptur erinnert in ihrer Materialität an klassische Parkbänke mit weißen Riemchen, folgt jedoch in ihren Proportionen exakt dem DIN-A4-Format. Wie ein riesiges, auf der Rasenfläche gelandetes Blatt Papier lädt sie zum Verweilen und Besitzen ein.
Sprache und Kommunikation als verbindendes Element
Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Frage, wie Kommunikation trotz Hürden gelingen kann. Die Künstlerin Allete Kwis nutzt dafür beispielsweise Schaumküsse, die mit Begriffen in Brailleschrift (Blindenschrift) versehen sind. Dies kehrt die gewohnte Wahrnehmung um: Während Sehende zunächst keinen Zugang zum Inhalt haben, verstehen blinde Menschen die Arbeit sofort. Solche Momente provozieren den Austausch und stellen die Frage, wie wir zueinander finden können.
Auch die digitale Gegenwart wird thematisiert. Eine Bodenarbeit aus farbigem Kies greift das Symbol des „Warte-Cursors“ von Apple-Geräten auf. Dieses ikonische Zeichen der digitalen Arbeit wird in den analogen Raum übersetzt, wo es den Elementen und den Schritten der Passanten ausgesetzt ist. Durch das Begehen vermischen sich die Steine, das Bild löst sich auf und hinterlässt temporäre Spuren.
Globale Vernetzung im öffentlichen Raum
Die Ausstellung dehnt sich auch in den öffentlichen Raum und über nationale Grenzen hinaus aus. Eine originalgetreue Telefonzelle aus Peking ermöglicht es den Besuchern, Standorte weltweit anzurufen – etwa in London, Cairns oder Shanghai. Es entstehen zufällige Gespräche und ein direkter Austausch zwischen Bonn und der Welt.
Ergänzt wird dies durch das Langzeit-Fotoprojekt World Time Clock. Seit 2008 fotografiert der Künstler öffentliche Uhren weltweit zur exakt gleichen Zeit (05:21 Uhr). Die Serie suggeriert eine globale Gleichzeitigkeit und verbindet Orte von Anchorage bis Taschkent zu einem weltumspannenden Zeit-Moment.
„Interactions 2026“ zeigt eindrucksvoll, dass Kunst kein statisches Objekt sein muss, sondern ein lebendiger Ort der Begegnung, des Spiels und der globalen Kommunikation.
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