Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich spricht hier über die tiefgreifenden Veränderungen der Bildkultur durch soziale Medien und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Folgen.
Der Boom der sozialen Medien und die “Instagrammisierung”
Die sozialen Medien sind zum zentralen Ort für fotografische Bildkulturen geworden. Nahezu alle Lebensbereiche (Tourismus, Kosmetik etc.) richten sich heute danach aus, “instagrammable” oder “tiktokable” zu sein. Dinge werden so gestaltet, dass sie auf Fotos gut funktionieren.
Sensibilität und Überwachung
Das Recht am eigenen Bild ist heute ein viel sensibleres Gut. Menschen sind vorsichtiger geworden, Bilder von sich zu teilen, da diese durch Gesichtserkennung zur Überwachung genutzt werden können oder als Trainingsmaterial für KI-Programme dienen.
Die Macht der Algorithmen
Algorithmen bestimmen, was sichtbar ist und was nicht. Sie belohnen Inhalte, die schnelle und starke Reaktionen auslösen (oft Hass, Häme oder Schadenfreude), was zu einer Radikalisierung von Inhalten führt.
Die Entscheidungsgewalt über diese Sichtbarkeit liegt bei wenigen Plattformbesitzern (Milliardären in den USA), ohne dass die Öffentlichkeit Einblick in diese Mechanismen hat.
“Memokratie” und politische Folgen
Ullrich diagnostiziert den Übergang zur “Memokratie”: Politische Entscheidungen werden heute primär in sozialen Medien getroffen und durch das Format der Memes legitimiert, statt in klassischen demokratischen Institutionen. Als Beispiel nennt er Donald Trump, dessen Politik oft direkt auf “Mimifizierbarkeit” zugeschnitten sei.
Die Bedeutung der Kunst als Gegenpol
Da soziale Medien vor allem das verstärken, was bereits sichtbar ist, haben es neue oder schwierige Themen dort schwer. Der “White Cube” (Galerien und Museen) gewinnt als Gegenort an Bedeutung. Hier können Bilder in einer nicht-instrumentellen Weise existieren, ohne sofort von Algorithmen oder Kontexten der sozialen Medien vereinnahmt zu werden.
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