Warum spezialisiert man sich auf Insekten, die viele Menschen eher mit Ekel assoziieren? Viktor Hartung, Entomologe am LWL-Museum für Naturkunde, räumt mit Vorurteilen auf und zeigt, warum Wanzen die heimlichen Gewinner der Evolution sind.
Viktor Hartung ist Insektenexperte aus Leidenschaft. Im Interview der Reihe „Frag die Wissenschaft“ gibt er Einblicke in einen Arbeitsalltag, der zwischen der freien Wildbahn und der Hochtechnologie des Elektronenmikroskops schwankt. Seine Mission: Die Erforschung einer Biodiversität, die oft direkt vor unseren Füßen liegt, aber selten wahrgenommen wird.
Ein Saugrüssel als Erfolgsrezept
Was unterscheidet eine Wanze eigentlich von einem Käfer? Hartung hat einen einfachen Praxistipp: „Man dreht sie auf den Rücken.“ Besitzt das Tier einen markanten Saugrüssel statt Beißwerkzeugen, handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Wanze. Dieses Werkzeug ist zugleich ihr größter evolutionärer Trumpf. Mit weltweit rund 45.000 Arten stellen Wanzen zahlenmäßig sogar alle Landwirbeltiere zusammen in den Schatten. Von grabenden Arten in der Erde bis hin zu den einzigen Insekten, die auf hoher See überleben können, besiedeln sie fast jeden Lebensraum.
Klimawandel als Gebietsverschiebung
Auch in Westfalen hinterlässt der Klimawandel Spuren in der Insektenwelt. Hartung beobachtet, wie Arten aus dem Süden einwandern, während kälteliebende Arten, etwa aus Mooren und Feuchtgebieten, zunehmend unter Druck geraten. Dass die Einwanderer oft als „Klimagewinner“ bezeichnet werden, sieht er kritisch: „Was bei uns als Gewinner gilt, verschwindet zeitgleich in Regionen wie Sizilien“. Es handelt sich also weniger um eine Ausbreitung als um eine Verschiebung ganzer Verbreitungsgebiete.
Forschung zwischen Münster und Kamerun
Die Arbeit am LWL-Museum ist weit mehr als das bloße Betrachten von Schaukästen. Hartung führt Bestandsaufnahmen in Münsteraner Stadtgebieten durch, begleitet Renaturierungsprojekte im Lutter Wald und beschreibt sogar völlig neue Arten für die Wissenschaft. In einem kleinen Röhrchen aus Kamerun zeigt er hunderte Tiere, von denen schätzungsweise 10 bis 20 Arten noch nie ein Mensch zuvor wissenschaftlich beschrieben hat.
Für Hartung ist die Beschäftigung mit Insekten mehr als nur Wissenschaft – es ist eine Schule der Wahrnehmung. Wer Insekten eklig findet, dem rät er zu einem Blick durch das Mikroskop. Die fremdartige Schönheit und die komplexen Lebensweisen dieser „Außerirdischen“ zu entdecken, habe eine fast beruhigende, wohltuende Wirkung.
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