Jacob Taubes war der funkelnde Fixstern der intellektuellen Welt. Von New York bis Berlin prägte der Religionsphilosoph und Suhrkamp-Berater das Denken der Nachkriegszeit. Doch wer war dieser Mann hinter der Fassade des brillanten Provokateurs? Bei der Buchpremiere von Der verlorene Vater im Gespräch mit Aleida Assmann wurde deutlich: Ethan Taubes hat kein bloßes Porträt geschrieben, sondern eine schmerzhafte Exhumierung einer Vater-Sohn-Beziehung.
Die Aufzeichnung der Buchpremiere bietet mehr als nur biografische Details; sie ist eine tiefschürfende Analyse von Identitätsbrüchen nach der Schoa und der Unmöglichkeit, Traditionen bruchlos fortzuführen.
Jacob Taubes: Der intellektuelle Magier
Für Generationen von Denkern war Jacob Taubes (1923–1987) eine Offenbarung. Er war es, der jüdisches Denken zurück in die Bundesrepublik brachte und Größen wie Susan Sontag oder Sibylle Lewitscharoff faszinierte.
- Der Vermittler: In seiner Rolle als Verlagsberater setzte er Akzente, die bis heute nachwirken.
- Der Freund: Aleida Assmann, die zusammen mit ihrem verstorbenen Mann Jan Assmann Taubes’ Schriften herausgab, erinnerte sich im Gespräch an die immense Ausstrahlung dieses Mannes, der Theorie und Leben in einer Weise verknüpfte, die oft an die Grenze des Erträglichen ging.
Die private Katastrophe: Berlin – New York – Berlin
Ethan Taubes, der in New York lebt, zeichnet in seinem Buch ein weit weniger glanzvolles Bild. Er beschreibt die Entfremdung von einem Vater, mit dem er jahrelang kaum Kontakt hatte – bis die Nachricht von Jacobs schwerem psychischen Zusammenbruch in Berlin alles veränderte.
„Ich konnte nicht zulassen, dass nach Auschwitz ein Jude in einer deutschen Irrenanstalt stirbt.“
Diese Worte eines Freundes, der Jacob Taubes zurück in die USA holte, bilden den emotionalen Kern des Abends. Sie verdeutlichen das tiefe Trauma der jüdischen Identität in Deutschland: Die Angst vor dem Tod in jenem Land, das die Vernichtung geplant hatte, wog schwerer als jede medizinische Diagnose.
Die Themen des Gesprächs
Im Dialog zwischen Ethan Taubes, Aleida Assmann und Ulrich von Bülow schälten sich drei zentrale Motive heraus:
- Die Last des Erbes: Wie lebt man als Sohn eines Mannes, der für die Welt ein Genie, für die Familie aber oft ein „verlorener Vater“ war?
- Identitätsbrüche: Das Buch thematisiert die Zerrissenheit einer Familie, die nach der Schoa versucht, kulturelle Traditionen zu bewahren, die eigentlich bereits verloren sind.
- Wirkungsgeschichte: Aleida Assmann beleuchtete, warum Jacob Taubes’ Denken heute – in einer Zeit neuer religiöser und politischer Spannungen – wieder so aktuell ist.
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