Im Jüdischen Museum Hohenems hielt die Historikerin und Judaistin Martha Keil einen Vortrag über die Mobilität jüdischer Menschen zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. Dabei ging es nicht um Flucht und Vertreibung, sondern um die alltäglichen, oft freiwilligen Reisen – und die Frage, was Frauen und Männer dazu bewog, sich trotz großer Gefahren auf den Weg zu machen.
Freiwillig unterwegs im Spätmittelalter
Wenn heute über jüdische Mobilität im Mittelalter gesprochen wird, stehen meist Vertreibungen und Flucht im Mittelpunkt. Der Vortrag von Martha Keil im Rahmen der Europäischen Sommeruniversität für Jüdische Studien im Jüdischen Museum Hohenems wirft jedoch einen anderen Blick auf die Geschichte: Er untersucht die vielen Reisen, die Jüdinnen und Juden zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert freiwillig oder aus eigenem Antrieb unternahmen. Welche Motivationen trieben sie an? Welche Ziele verfolgten sie? Und wie lässt sich dieses Unterwegssein von Zwangsmigration und Flucht abgrenzen?
Zwischen Obrigkeit und innerjüdischen Regeln
Die Reisen im Spätmittelalter waren nicht nur gefährlich, sondern auch durch zahlreiche Einschränkungen geprägt. Martha Keil beleuchtet dabei sowohl die obrigkeitlichen Auflagen als auch die innerjüdischen Regeln, denen Reisende unterworfen waren. Auf der Basis christlicher und jüdischer Quellen rekonstruiert sie, wie sich jüdische Männer und Frauen in einer höchst mobilen Zeit bewegten – und welche Hürden sie dabei überwinden mussten.
Der Blick auf die Frauen
Ein besonderer Schwerpunkt des Vortrags liegt auf jüdischen Frauen. Während die Geschichtsschreibung sich lange vor allem auf männliche Reisende konzentrierte, fragt Keil gezielt nach den Lebenswelten und Mobilitätsmustern von Jüdinnen. Ihre Untersuchung zeigt, dass das Bild einer statischen, eingeschlossenen Existenz der Vormoderne der Realität nicht gerecht wird.
Über die Referentin
Martha Keil ist eine der führenden Expertinnen für jüdische Geschichte in Österreich. Sie studierte Geschichte und Judaistik in Wien und Berlin und erhielt 2007 die Venia legendi für Österreichische Geschichte. Von 2004 bis 2026 leitete sie das Institut für jüdische Geschichte Österreichs in St. Pölten, seit 2023 ist sie wissenschaftliche Kuratorin der Gedenk- und Kulturstätte Ehemalige Synagoge St. Pölten. Ihre Forschungen widmen sich der jüdischen Alltags- und Kulturgeschichte sowie den Lebenswelten jüdischer Frauen in der Vormoderne. 2025 wurde sie mit dem renommierten Wilhelm Hartel-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet.
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