Vor 40 Jahren: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

1986 kam es im Ukrainischen Tschernobyl zum bis dahin größten Unfall in einem Atomkraftwerk. Die Auswirkungen waren in ganz Europa zu spüren und führten in der Folge zu einem weiteren Erstarken der Anti-Atom Bewegung. Zeitzeugen aus Politik und Zivilgesellschaft berichten in diesen Interviews, wie sie die Ausnahmesituation damals erlebten.

Auftrieb für die Anti-WAA-Proteste

Der ehemalige Schwandorfer Landrat Hans Schuierer erinnert sich noch gut an die ausbleibenden oder widersprüchlichen Informationen der Behörden nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. Die gravierenden Auswirkungen des Unfalls hätten der Protestbewegung gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf einen entscheidenden Auftrieb gegeben.

Die Katastrophe führt in den Landtag

1986 wurden die Grünen erstmals in den Bayerischen Landtag gewählt: Die Auseinandersetzungen um die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf und die nukleare Katastrophe von Tschernobyl hatten ganz wesentlich zu diesem Erfolg beigetragen, so schildert es Ruth Paulig, Gründungsmitglied der Partei, die damals ins Parlament kam. Der Super-GAU sei DAS Beispiel für radioaktive Verseuchung gewesen und habe die Gefahren der Atomkraft aufgezeigt. Die Diplom-Biologin und Kunsterzieherin erinnert sich auch an die lebhaften Debatten im Parlament, die sie selbst als sachlich und wissenschaftlich fundiert wahrgenommen hat.

Verseuchte Milch – wohin?

Nach dem Super-GAU 1986 in Tschernobyl gab es in Bayern Orte mit stärkerer und schwächerer Strahlung – abhängig davon, wo es (radioaktiv) geregnet hatte. Und wenn die Kühe verseuchtes Gras gefressen hatten, war auch deren Milch verseucht. Claus Bößenecker, damals Umweltjurist im Landratsamt Schwandorf, erinnert sich an den widersprüchlichen Umgang der Behörden mit diesem Thema: Zunächst sollte die verseuchte Milch gesondert gelagert werden, doch dann durfte getrocknete Molke daraus produziert werden.

Pro und Kontra Atomkraft

Der damalige Landtagsabgeordnete Dr. Günther Beckstein (CSU) schildert, wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 in seinem eigenen Stimmkreis, dem Knoblauchsland bei Nürnberg, für Verunsicherung sorgte. Auch im Bayerischen Landtag wurde diskutiert: Was bedeutet der Unfall für die Atomkraft, welche Gefahren bestehen, wie könnte sonst die Energieversorgung sichergestellt werden? Gleichzeitig hatte die Polizei die Aufgabe, das Gelände der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf zu sichern. Günther Beckstein beschreibt das Einsatzkonzept und wie er dieses im Parlament verteidigte.

Mütter gegen Atomkraft

Imogen Pfarr-Otto erinnert sich noch gut an den radioaktiven Regen, der ihre Oberpfälzer Heimat nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl teilweise verseuchte. Der Super-GAU führte auch zur Gründung des Vereins „Mütter gegen Atomkraft“ in Regensburg, bei dem sich die Grundschullehrerin von Anfang an engagierte. Die Verunsicherung und Empörung über die öffentliche Verharmlosung des Nuklearunfalls war groß. Als Reaktion darauf veröffentlichte der Verein eigene Messungen, um zu belegen, wie hoch die radioaktive Strahlung von Gemüse, Obst oder Sand in Regensburg und der Region tatsächlich war.


In der DDR: Nur der West-Rundfunk warnt vor der Reaktorkatastrophe

Siegfried Röhr lebte 1986 noch in der DDR und erfuhr von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl nur aus dem West-Rundfunk. Die DDR-Behörden hatten die Bevölkerung überhaupt nicht informiert. Als Kleingärtner hatte er damals im thüringischen Gera über 100 Salate angebaut, und, nach der Katastrophe von Tschernobyl, diese auf den Kompost geworfen. Die Verunsicherung, was man noch essen konnte und was gefährlich war, war riesig.

Angst auf dem Bauernmarkt

Peter Heigl saß gerade im Garten, als ihn 1986 die Nachricht vom Super-GAU in Tschernobyl erreichte. Es war pure Angst, so erinnert sich der Historiker; auf dem Regensburger Bauernmarkt blieben die Anbieter auf ihren Gurken und ihrem Salat sitzen, es herrschte große Verunsicherung, was verstrahlt war und überhaupt noch verzehrt werden durfte.

Interview und Kamera: Georg Schmidbauer M.A.

Mehr unter: hdbg.eu

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