Das ZKM | Karlsruhe widmet sich in diesem Beitrag dem Schaffen des Medienkünstlers Ulrich Bernhardt. Unter dem Titel „JETZT: Es war, wird und ist“ gibt der Künstler tiefe Einblicke in sein politisch motiviertes Werk, das von der Auseinandersetzung mit atomaren Katastrophen, dem Vietnamkrieg und der Verweigerung gegenüber dem klassischen Kunstmarkt geprägt ist.
„Radioaktivität ist das Ewige Jetzt“, stellt Ulrich Bernhardt gleich zu Beginn des Films fest. Es ist ein Satz, der die Dringlichkeit seiner Kunst auf den Punkt bringt. Für Bernhardt ist die atomare Strahlung ein Vermächtnis an die Zukunft, das sich menschlichen Zeitmaßen entzieht – ein unsichtbares Mahnmal, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf toxische Weise vereint.
Das Trauma von Tschernobyl
Zentrales Thema des Videos ist Bernhardts Auseinandersetzung mit der Katastrophe von Tschernobyl. Seine Installation „Sarkophag“, die unter anderem 1440 Weckeruhren und Videoaufnahmen umfasst, entstand zwar erst Jahre nach dem Super-GAU von 1986, verarbeitet aber die unmittelbare Erschütterung jener Tage. Bernhardt schildert eindringlich die damalige Atmosphäre des Misstrauens – gegenüber der Politik, dem Wetter, ja sogar der Nahrung.
Die Installation greift das Motiv des Vergessens auf, symbolisiert durch den mythologischen Fluss Lethe. Doch während der Mensch vergisst und verdrängt, bleibt die physikalische Realität der Strahlung bestehen. Bernhardt zieht hier eine direkte Linie zur Gegenwart, in der die Atomkraft wieder diskutiert wird und das Kernkraftwerk Saporischschja im Ukraine-Krieg zum strategischen Spielball wird.
Kunst gegen den Konsum
Der Rückblick im Video reicht bis in die 1960er Jahre. Bernhardt erzählt von seinen „Liquidationen“, bei denen er Bildinformationen aus Magazinen mit Aceton auslöschte, um politische Realitäten wie den Vietnamkrieg sichtbar zu machen. Diese Arbeiten waren nie als gefällige Objekte gedacht. Als ein Galerist ihm vorschlug, ein kontroverses Werk in Serie zu produzieren, lehnte Bernhardt kategorisch ab: „Ich mache keine Objekte wie Butter oder Margarine.“
Seine Haltung ist klar: Kunst darf kein Fetisch, keine bloße Ware sein. Sie ist für ihn ein Instrument der Reflexion und Kommunikation. Dies zeigt sich auch in seinem frühen Einsatz von Videotechnik in der Stadtplanung, um Menschen in Gestaltungsprozesse einzubinden, oder in seiner Affinität zur Mail Art, bei der der Austausch über dem Besitz des Originals steht.
Ein Plädoyer für das Kollektiv
Das Porträt zeichnet das Bild eines Künstlers, der das „Ich“ zugunsten des „Wir“ zurücknimmt. Bernhardt plädiert für kollektive Arbeitsweisen, wie sie im Film oder Theater üblich sind, und sieht seine Werke nicht als statische Museumsstücke, sondern als ständige Veränderung. Das Video des ZKM ist damit nicht nur eine Dokumentation eines Lebenswerks, sondern ein Appell, Kunst als gesellschaftliches Handeln zu begreifen.
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