Welche Farbe hat das Judentum? In einer Welt, die zunehmend in binären Kategorien wie „Schwarz“ und „Weiß“ denkt, bricht das Jüdische Museum Wien mit der Ausstellung „Schwarze Juden, Weiße Juden?“ verkrustete Denkmuster auf. Die Schau ist ein Plädoyer für die Komplexität einer Identität, die sich jeder einfachen Schublade entzieht.
Seit Jahrhunderten prägen rassistische Weltanschauungen und koloniale Überlegenheitsfantasien unseren Blick auf den Mitmenschen. Jüdinnen und Juden standen dabei oft im Zentrum widersprüchlicher Zuschreibungen. Die Kurator*innen Tom Juncker, Daniela Pscheiden, Hannes Sulzenbacher und Vanessa Spanbauer zeigen nun, wie diese Fremdwahrnehmungen bis heute das Leben von Jews of Color beeinflussen.
Die Falle der Hautfarbe
Die Ausstellung macht deutlich, dass Hautfarbe keine biologische Tatsache, sondern ein soziales Konstrukt mit fatalen Folgen ist.
- Hierarchien der Ausgrenzung: Die Schau beleuchtet, wie „Rassentheorien“ und Antisemitismus eine Ordnung schufen, in der Jüdinnen und Juden je nach politischer Agenda mal als „zu schwarz“, mal als „zu weiß“ markiert wurden.
- Erfahrungen von Jews of Color: Ein besonderer Fokus liegt auf der Diskriminierung, die jüdische Menschen mit dunkler Hautfarbe weltweit – von Europa über die USA bis nach Israel – erfahren. Oft stehen sie zwischen den Stühlen und müssen sich sowohl gegenüber der Mehrheitsgesellschaft als auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft behaupten.
Der Nahost-Konflikt und das Stereotyp des „Weißen Kolonialherrn“
Besonders aktuell ist die Auseinandersetzung mit modernen Narrativen. Die jüngsten Eskalationen im Nahost-Konflikt haben ein gefährliches Bild verfestigt: Juden werden oft pauschal als „weiße Kolonialherren“ porträtiert, die einer „nicht-weißen“ indigenen Bevölkerung gegenüberstehen.
„Dafür wird ausgeblendet, dass Jüdinnen und Juden auf allen Kontinenten präsent waren und sind – geprägt durch eine Geschichte von Migration, Vertreibung und der Schoa.“
Jenseits der Binarität
Sind Juden also weiß oder schwarz? Die Antwort der Ausstellung lautet: Beides – und nichts davon. Durch die Präsentation historischer Beispiele und zeitgenössischer Selbstzeugnisse wird die enorme Vielfalt jüdischen Lebens sichtbar gemacht. Die Schau fordert dazu auf, die Geschichte der jüdischen Diaspora als globale Geschichte anzuerkennen, die sich über alle Kontinente und Hautfarben erstreckt.
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