Dr. Tobias Engelsing, der Direktor der Städtischen Museen Konstanz, gibt Einblicke in die aktuelle Sonderausstellung “Maskeraden – Als die Fasnacht noch Fasching hieß”. Welches sein Lieblingsobjekt ist, könnt ihr im Video herausfinden.
Fasching, Fasnacht oder Karneval? – Eine Kulturgeschichte der Narretei am Bodensee
Ausstellung im Kulturzentrum am Münster / Richentalsaal, Erdgeschoss
Die südwestdeutsche Fasnacht besitzt in der Dreiländerregion rund um den Bodensee ein starkes Eigenleben. Hier vermischen sich historische Einflüsse zu einem einzigartigen kulturellen Geflecht: Der habsburgische Fasching trifft auf die bürgerlich-liberale Saalfasnacht – ergänzt durch eine kräftige Prise rheinischer Karnevalstradition. Bis zur Revolution von 1848/49 begeistert sich das freiheitsliebende Bürgertum an satirischen Narrenspielen, in denen Gesellschaft und Politik mit spitzer Zunge aufs Korn genommen werden.
Nach 1860 setzt sich unter dem Einfluss des wiedererstarkten Kölner Karnevals „Prinz Karneval“ als zentrale Symbolfigur durch. In Städten und Dörfern rund um den See entstehen prachtvolle Umzüge und festliche Bälle. Frauen sind zwar Teil des Geschehens, jedoch meist nur als schmückendes Beiwerk männlicher Repräsentation. Im Kaiserreich klingen in den närrischen Darstellungen erstmals rassistische und kolonialistische Motive an – ein Thema, das heute die Debatte um kulturelle Aneignung und diskriminierende Kostüme erneut befeuert.
Während der NS-Zeit zeigt sich die Narretei erstaunlich anpassungsfähig: Trotz Terror und Verfolgung herrscht ungebrochene Fröhlichkeit – ein Spiegel gesellschaftlicher Verdrängung. In der Schweiz dagegen erlauben sich einige Narren den subversiven Spott über die braunen Machthaber. Nach 1945 knüpfen viele deutsche Narrengesellschaften nahtlos an ihre Vorkriegstraditionen an.
Seit den 1950er-Jahren erlebt die Bühnenfasnacht am Bodensee einen regelrechten Boom. Künstler wie Karl Steuer und Helmut Faßnacht begeistern ihr Publikum – die Narretei wird durch Radio- und Fernsehübertragungen weit über die Region hinaus bekannt.
Die große Sonderausstellung, ein im Thorbecke Verlag erscheinendes Begleitbuch sowie ein eigens produzierter Dokumentarfilm erzählen mit seltenen Objekten, Fotografien und Filmmaterial die wechselvolle Geschichte der Fasnacht am Bodensee – berührend, überraschend und mit einem kritischen Blick auf die Selbstdarstellung der organisierten Narretei.
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