Mächtige Frauen der Frühbronzezeit: Korrektur eines männlich dominierten Geschichtsbildes

Lange Zeit galt die Aunjetitzer Kultur (ca. 2300–1600 v. Chr.) als eine Welt der Fürsten und Krieger. Doch spektakuläre Hortfunde in Mitteldeutschland belegen nun: Frauen nahmen eine weitaus bedeutendere und reichere Rolle ein, als die Forschung bisher vermutete. Das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle räumt mit alten Klischees auf.

In der Archäologie Mitteldeutschlands herrschte lange Zeit ein Rätselraten: Während man prunkvolle Gräber mächtiger Männer fand, schienen reiche Frauen gänzlich zu fehlen. Der Grund dafür war jedoch nicht mangelnder Status, sondern eine andere Grabsitte, bei der Schmuck und Reichtümer den Frauen oft nicht mit ins Grab gegeben wurden.

Die „Frauenhorte“ von Teicha, Quiß und Domsen

Dank wissenschaftlich begleiteter Ausgrabungen und der Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Sondengängern konnten in den letzten Jahren drei entscheidende Hortfunde geborgen werden, die eindeutig Frauen zugeordnet werden können:

  • Hortfund von Teicha: Im Zentrum der Forschung stehen hier zwei große Bronzescheiben. Lange rätselte man über ihre Funktion, bis hölzerne Reste an den Nieten entdeckt wurden. Diese belegen, dass es sich um spektakulären Haarschmuck für Hochsteckfrisuren handelte – eine Form der Selbstdarstellung, die unsere heutigen Vorstellungen weit übertrifft.
  • Hortfunde von Halle-Quiß und Domsen: Diese Funde enthalten kostbare Gehänge aus Bernstein und Bronzespiralröllchen. Besonders lehrreich war die Entdeckung von Schleifennadeln, deren Funktion erst jetzt durch die Lage im Fundzusammenhang als Teil dieser aufwendigen Gehänge verstanden wurde.

Der „weibliche Ornat“: Status und Symbolik

Die Analysen zeigen, dass es analog zur Ausstattung der Männer einen festen „weiblichen Ornat“ für die Oberschicht gab. Dazu gehörten Bernsteinketten, Arm- und Beinspiralen sowie die markanten Haarscheiben. Dass diese Schätze deponiert (gehortet) und nicht vergraben wurden, lässt auf rituelle Handlungen oder eine bewusste Sicherung von Reichtum schließen.

Ein europäisches Phänomen

Mit diesen Entdeckungen schließt Mitteldeutschland eine Lücke in der europäischen Frühbronzezeit. In zeitgleichen Kulturen, etwa in England (Wessex-Kultur) oder Spanien (El-Argar-Kultur), waren reiche Frauenbestattungen bereits bekannt. Nun ist belegt, dass auch die Aunjetitzer Gesellschaft in Mitteldeutschland keine rein männerdominierte Welt war, sondern Frauen in der sozialen Hierarchie ganz oben standen.

Diese Neuentdeckungen unterstreichen die Bedeutung moderner Technik wie der Computertomographie, die es ermöglicht, Funde in ihrer ursprünglichen Schichtung im Gefäß zu untersuchen, ohne sie zu zerstören.

Eine Thomas Claus Medienproduktion im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte, 2026. “Archaeofilm” ist eine geschützte Wort-Bild-Marke des Landes Sachsen-Anhalt (LDA).

Regie: Thomas Claus
Bildgestaltung: Felix Greif
Filmeditor: Alexander Woltexinger
Titelgrafik: Oliver Thomas
Ton: Tobias Engelhard
Bildrecherche: Dr. Anja Lochner-Rechta
Projektkoordination: Dr. Oliver Dietrich, Dr. Tomoko Emmerling

Mehr unter: www.landesmuseum-vorgeschichte.de

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