Vier Jahrhunderte jüdischer Reiseschriftstellerei über Cochin – und was die Berichte über die Beobachter selbst verraten. Ein Vortrag von Carsten Wilke im Rahmen der Europäischen Sommeruniversität für Jüdische Studien.
Ein ferner Außenposten der Diaspora
Die Juden von Cochin – heute Kochi – im südindischen Kerala galten von Europa aus als weit entfernter Außenposten der jüdischen Diaspora. Und doch zeigen sich mittelalterliche jüdische Händler aus Nordafrika und Spendensammler der Kolonialzeit über ihre Lebensverhältnisse erstaunlich gut informiert. Prof. Dr. Carsten Wilke (Central European University Wien) zeichnet in seinem öffentlichen Vortrag im Rahmen der Europäischen Sommeruniversität für Jüdische Studien vier Jahrhunderte jüdischer Reiseschriftstellerei über Indien nach – und fragt, was diese Berichte über ihre Verfasser verraten.
„Schwarze” und „weiße” Juden: Eine Unterscheidung und ihre Geschichte
Seit dem 16. Jahrhundert beschäftigten jüdische Reiseberichte insbesondere die scharfe Trennung zwischen zwei endogamen indisch-jüdischen Gruppen. Prägend war der portugiesische Bericht, den Mosseh Pereyra da Paiva der Amsterdamer sefardischen Gemeinde nach seiner Reise 1686 erstattete – und der die Rede von den „schwarzen” und „weißen” Juden Cochins einbürgerte. Spätere Reisende forschten nach den Ursprüngen dieser Gruppen, sammelten historische Dokumente – oder schrieben diese kurzerhand selbst, wie der niederländische Konvertit Immanuel Jacob van Dort auf seiner Indienreise 1755–1756.
Rabbiner, Ethnologen und ein Spiegel eigener Ideale
Im 19. Jahrhundert beschrieben reisende Rabbiner die vermeintliche innerjüdische Rassendiskriminierung eingehend und setzten sich für die „schwarzen” Juden ein. Erst der amerikanische Ethnologe David Mandelbaum, der seit 1937 in Indien forschte, versuchte eine nüchternere Deutung: Er interpretierte die innerjüdische Hierarchie als genuine Widerspiegelung des indischen Kastenwesens. Wilkes Überblick über diese Quellen drängt eine These auf: Die Reisenden erkannten in den Juden Cochins ein Spiegel- und Gegenbild ihrer eigenen Ideale von sozialer Gleichstellung – und schrieben damit zugleich über sich selbst.
Der Referent
Prof. Dr. Carsten Wilke (*1962 in Köln) ist Religionswissenschaftler, Historiker und Judaist. Er studierte Judaistik, Romanistik und Philosophie in Köln und Jerusalem sowie Religionswissenschaften in Paris und promovierte 1994 über jüdisch-christliches Doppelleben im Barock. Nach Stationen in Deutschland, Frankreich, Portugal, Mexiko und den USA – darunter der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg – ist er seit 2009 Professor für Geschichte und Jüdische Studien an der Central European University in Wien, wo er das Zentrum für Religionswissenschaft leitet.





