Genie oder Wahnsinn? Der tiefe Fall des Franz Xaver Messerschmidt

Er war der Star der Wiener Kunstszene, doch seine Karriere endete im Eklat. In einem neuen Beitrag beleuchtet das Belvedere Wien den dramatischen Wendepunkt im Leben des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt – von der begehrten Professur bis zum Vorwurf der „geistigen Verwirrung“.

Franz Xaver Messerschmidt war das Paradebeispiel eines akademischen Künstlers des 18. Jahrhunderts. Nach einer soliden handwerklichen Lehre bei seinen Onkeln in München und Graz zog es ihn nach Wien an die Akademie der bildenden Künste. Anatomiestudien und Aktzeichnen verfeinerten seinen Stil so sehr, dass er als logischer Nachfolger seines Lehrers Jakob Schletterer für eine Professur auserkoren wurde.

Die Charakterköpfe: Ein kostspieliges Privatvergnügen

Doch um 1771 begann Messerschmidt mit einer Arbeit, die sein Schicksal besiegeln sollte: den berühmten Charakterköpfen. Bis zu seinem Tod schuf er 49 dieser extrem expressiven Skulpturen aus wertvollen Materialien wie Alabaster und Metalllegierungen (Blei und Zinn).

Das Ungewöhnliche: Er arbeitete nicht auf Auftrag. In einer Zeit, in der Künstler primär für Adel und Kirche produzierten, investierte Messerschmidt sein eigenes Vermögen in diese Studien, um seine Fähigkeiten zur Darstellung menschlicher Affekte zu perfektionieren.

Intrigen und der Vorwurf der Verwirrung

Als 1774 die Professur vakant wurde, kam es zum Bruch. Eine Gruppe neidischer Kollegen und der mächtige Staatskanzler Wenzel Anton Kaunitz-Rietberg stellten sich gegen ihn. Man verweigerte ihm den Posten mit einer folgenschweren Begründung: Messerschmidt wurde „geistige Verwirrung“ und ein aggressives, ungebührliches Verhalten vorgeworfen.

Ein Künstler mit Prinzipien

Tief frustriert verließ Messerschmidt Wien. Über Stationen in seiner Heimat Wiesensteig und München ließ er sich schließlich in Pressburg (Bratislava) nieder. Bemerkenswert bleibt sein Stolz: Eine ihm angebotene jährliche Pension der Akademie lehnte er konsequent ab. Sein Argument war so einfach wie aufrichtig: Er wolle für Geld auch eine entsprechende Arbeit liefern.

Messerschmidts Charakterköpfe zählen heute zu den bedeutendsten Werken der Barock-Bildhauerei und faszinieren durch ihre zeitlose, fast moderne Psychologisierung – ein Erbe, das er trotz (oder wegen) seines Bruchs mit der Wiener Akademie hinterließ.

Mehr unter: belvedere.at

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