Octogone – Chalisée Naamani in der Kunsthalle Wien

In der Kunsthalle Wien entfaltet Chalisée Naamani ein faszinierendes Panorama aus Mode, Geschichte und Politik. Ihre Ausstellung „Octogone“ verwebt die Tradition persischer Kraftsportstätten mit zeitgenössischen Fragen zu Identität, Globalisierung und digitalem Widerstand.

Die Szenografie der Ausstellung ist tief in der Architektur des Zurkhaneh verwurzelt – dem traditionellen persischen „Haus der Kraft”. Einst klandestine Orte, an denen Männer ihre Körper für den Kampf stählten, entwickelten sich diese Gymnasien zu Räumen, in denen Körper und Geist gleichermaßen geformt werden.

Das Oktogon: Raum der Transformation

Der Titel der Schau bezieht sich auf das charakteristische Oktogon in der Mitte dieser Sportstätten, das stets einen Meter tief in den Boden eingelassen ist. Um diesen Raum herum findet das soziale Leben statt: Sportler ruhen sich aus, trinken Tee oder wechseln ihre Kleidung – ein Moment der Transition, den Naamani mit den Schließfächern Wiener Institutionen wie der Oper in Verbindung bringt.

  • Ganzheitliche Erziehung: Ein Zurkhaneh ist kein reiner Fitnessraum. Ein Musiker begleitet die Übungen mit Instrumenten und rezitierter Poesie, während die Bewegungen selbst oft metaphorisch sind – etwa das Reiten eines Pferdes oder das Schwimmen im Meer.

Kleidung als Archiv der Geschichte

Naamani begreift Mode als politisches Zeugnis. Ihre Skulpturen komponiert sie wie Gemälde oder Collagen aus Textilien, die reich an kollektiven Erinnerungen sind.

  • Die Reise des Paisley-Musters: In ihrem Werk „Bunch of Flowers“ untersucht sie die Wege globalisierter Motive. Das bekannte Paisley-Muster (oder Jeghe) verfolgt sie von Persien über Indien bis hin zu den Cowboys in den USA.
  • Kleidung als Projektionsfläche: Naamani nennt ihre Werke „Image Garments“, da wir alle Bilder und Projektionen anderer auf unseren Körpern tragen.

Ornament und Widerstand

In einer bewussten Abkehr von Adolf Loos’ berühmtem Diktum „Ornament und Verbrechen“ feiert Naamani die Verzierung als Träger intimer und kollektiver Geschichten. Sie zieht Parallelen zwischen der barocken Ästhetik von Instagram – mit seinen Emojis und Schichten – und klassischen Ornamenten.

Die Ausstellung schlägt auch eine Brücke zu aktuellen politischen Bewegungen:

  • Frauenrechte: Sie vergleicht die patriarchalischen Strukturen, gegen die Britney Spears kämpfte, mit der Theokratie im Iran.
  • Digitaler Aktivismus: Fotografien von Instagram-Accounts wie from.iran zeigen Slogans wie „Widerstand ist Leben“ an Wänden iranischer Städte – Symbole eines ständigen Katz-und-Maus-Spiels mit der staatlichen Zensur.

Mit „Octogone“ schafft Chalisée Naamani einen Raum, in dem historische Widerstandspraktiken des alten Persiens auf moderne Formen des Protests treffen.

Mehr unter: kunsthallewien.at

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