Zu Walter Schels 90. Geburtstag zeigt C/O Berlin mehr als 300 Arbeiten – und entdeckt eine bislang unbekannte, experimentelle Seite eines der bedeutendsten deutschen Fotografen.
Ein Jubiläum, eine Entdeckung
Anlässlich des 90. Geburtstags von Walter Schels (*1936 in Landshut) präsentiert C/O Berlin in Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach die erste große Retrospektive des Fotografen in Berlin. Mit mehr als 300 Arbeiten aus fast sieben Jahrzehnten ist die Ausstellung nicht nur Rückblick – sie ist eine Entdeckung. Denn die Sichtung mehrerer Tausend Prints aus dem Archiv des Fotografen förderte eine bislang nie gezeigte Werkhälfte zutage: ein umfangreiches experimentelles Œuvre, das den Blick auf Schels grundlegend verändert.
Bekannt durch Porträts – aber das ist nur die halbe Geschichte
Schels wurde vor allem durch seine reduzierten, stark verdichtenden Schwarzweiß-Porträts bekannt, die er seit den 1980er-Jahren entwickelte. In Langzeitstudien und Serien wie „Blind”, „Noch mal leben” oder „trans*” richtet er den Blick auf Grundfragen menschlicher Existenz – von Neugeborenen bis zu Hundertjährigen, von Joseph Beuys, Angela Merkel und dem Dalai Lama bis zu unbekannten Menschen, von Tieren bis zu Pflanzen. Vor neutralem Hintergrund entstehen unmittelbar wirkende Begegnungen mit einem jeweils eigenständigen Gegenüber.
Doch parallel dazu entstand eine zweite Werkhälfte – die die Retrospektive nun erstmals sichtbar macht.
New York in den 1960ern: Wo das Experimentelle begann
Einen frühen Ausgangspunkt für Schels’ zweispuriges Arbeiten bilden die in den 1960er und 1970er Jahren in New York entstandenen Serien. Neben Street Photography entstanden Nahaufnahmen von Kanaldeckeln, analoge Fotomontagen, Doppelbelichtungen und Überzeichnungen von Hochhäusern – surreale urbane Landschaften, die das Verhältnis von Individuum und Stadt ausloten.
Transformation als Methode und Motiv
Für Schels ist ein Bild nie fertig. Mit Übermalungen, Solarisationen und Collagen überschreitet er die Grenzen der Fotografie ins Malerische. In aktuellen abstrakten Arbeiten arbeitet er unmittelbar mit Fotochemikalien und Pflanzenfragmenten – die Materialität des fotografischen Prozesses selbst wird zum Bildgegenstand. Die Ausstellung präsentiert, wo immer möglich, originale Handabzüge, darunter großformatige Schwammentwicklungen und Abzüge, die Schels über die Jahre immer wieder überarbeitet hat.
16° Fische: Eine poetische Selbstverortung
Der Ausstellungstitel verweist auf Schels’ Geburtskonstellation: Zum Zeitpunkt seiner Geburt stand die Sonne im Tierkreiszeichen Fische bei 16 Grad. Für den Künstler ist dies eine poetische Selbstverortung – verbunden mit Sensibilität, Intuition und dem Interesse an existenziellen Fragestellungen, das sein gesamtes Werk durchzieht.
Kuratiert von Sophia Greiff (C/O Berlin), Beate Lakotta, Sebastian Lux und Franziska Mecklenburg (Stiftung F.C. Gundlach). Zur Ausstellung erscheint eine Publikation bei Steidl.
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