Ein Land im Container: Wie die DDR-Symbole aus dem Alltag verschwanden

Was passiert mit den Symbolen eines Staates, wenn dieser aufhört zu existieren? 36 Jahre nach den ersten freien Volkskammerwahlen 1990 widmet sich das DDR Museum Berlin in seiner neuen Sonderausstellung „Ein Land im Container“ dem rasanten Verschwinden von Hammer, Zirkel und Ehrenkranz.

Sören Marotz, Ausstellungsleiter des DDR Museums, eröffnete die Schau mit einer provokanten Frage: Warum verschwanden die Zeichen eines ganzen Landes ab 1990 so schlagartig aus dem öffentlichen und privaten Raum?. Die Ausstellung ist eng verknüpft mit der Veröffentlichung des dritten Sammlungsbandes „Die DDR in Objekten“, der sich den Themen Arbeit, Politik und Staat widmet.

Das große Entsorgen: Zwischen Müll und Museum

Nach dem 18. März 1990 begann das „große Entsorgen“. Symbole, die über 40 Jahre lang den Alltag prägten, wurden über Nacht wertlos oder gar zu Schandmalen.

  • Der Container als Symbol: Sperrmüllcontainer waren 1990 omnipräsent. In ihnen landeten Büsten von Ernst Thälmann oder Wilhelm Pieck ebenso wie die Schilder der Grenztruppen.
  • Individuelle Rettung: Nicht alles wurde vernichtet. Viele Objekte überdauerten Jahrzehnte in Kellern, bevor sie ihren Weg in die Museumssammlung fanden. Oft wurden sie von Privatpersonen „gerettet“, die sie heute dem Museum als Spende übergeben.

Denkmäler und Straßennamen: Der Kampf um die Deutung

Die Umgestaltung des öffentlichen Raums war ein hochpolitischer Prozess.

  • Straßenumbenennungen: Namen wie „Straße der Stahlwerker“ oder „Leninallee“ (heute Landsberger Allee) verschwanden in Wellen. Interessanterweise blieben viele Namen in der Provinz länger erhalten als in repräsentativen Großstädten.
  • Denkmalschutz für die Mauer: Während 1990 die „Wunde der Teilung“ so schnell wie möglich geschlossen werden sollte, stehen die wenigen verbliebenen Reste der Berliner Mauer heute unter Denkmalschutz – als mahnende Spuren der Geschichte.

Highlights der Ausstellung

Einige Exponate erzählen besonders kuriose Geschichten des Übergangs:

  • Das „Ehrenkorn“: Ein einzelnes Getreidekorn aus dem riesigen Staatswappen, das einst an der Fassade des Palasts der Republik hing. Es wurde von einem beteiligten Architekten als privates Souvenir gerettet.
  • Die NVA-Mütze mit neuer Kokade: Ab Juli 1990 wurde das DDR-Staatswappen an Uniformmützen durch Schwarz-Rot-Gold ersetzt – ein sichtbares Zeichen der Demokratisierung der Streitkräfte noch vor der Einheit.
  • Das ausgeschnittene Staatswappen: Viele Bürger schnitten 1990 das Emblem aus den DDR-Fahnen heraus, um mit neutralen schwarz-rot-goldenen Flaggen für die Einheit zu demonstrieren.

Die Sonderausstellung „Ein Land im Container“ ist ab sofort im DDR Museum Berlin zu sehen. Sie bietet einen tiefen Einblick in die Ambivalenz zwischen Befreiung, Entsorgung und dem späteren Aufkommen von Nostalgie.

Mehr unter: ddr-museum.de

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Museum Angewandte Kunst | Grafik: Bureau Sandra Doeller

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