Die isländische Künstlerin Jónína Mjöll Þormóðsdóttir widmet sich in ihrer Ausstellung der Natur ihrer Heimat. Inspiriert vom weißen Wintergefieder des Schneehuhns schafft sie dreidimensionale Werke aus Federn und Jute, die natürliche Strukturen und Veränderungen sichtbar machen. Auch ihre Arbeit im Botanischen Garten von Akureyri fließt in neue künstlerische Arbeiten ein. Dabei setzt sie sich mit Werken des Bildhauers Gerhard Marcks auseinander und verbindet Naturbeobachtung mit zeitgenössischer Materialkunst.
Jónína Mjöll Þormóðsdóttir: Von Bremen zurück nach Island
Die 1969 geborene Künstlerin Jónína Mjöll Þormóðsdóttir stammt aus Island und absolvierte einen Teil ihrer künstlerischen Ausbildung in Bremen. Nach Jahren im Ausland kehrte sie vor knapp einem Jahr in ihre Heimatstadt Akureyri im Norden Islands zurück. Die Rückkehr prägt auch ihre künstlerische Arbeit. Die Landschaft, die Tierwelt und die jahreszeitlichen Veränderungen Islands bilden wichtige Ausgangspunkte ihrer Werke.
Unter dem Begriff „Náttúran“, dem isländischen Wort für Natur, beschäftigt sie sich mit den vielfältigen Erscheinungsformen ihrer Umgebung. Dabei geht es ihr nicht um eine naturgetreue Abbildung von Landschaften. Vielmehr untersucht sie die Eigenschaften natürlicher Materialien und deren Möglichkeiten als künstlerisches Ausdrucksmittel.
Das weiße Kleid des Schneehuhns als künstlerische Inspiration
Eine zentrale Rolle in der Ausstellung spielt das Schneehuhn. Der Vogel ist für seinen jahreszeitlichen Gefiederwechsel bekannt. Während sein Gefieder im Sommer überwiegend braun und gesprenkelt erscheint, trägt er im Winter ein weitgehend weißes Federkleid. Diese Anpassung an die schneebedeckte Landschaft faszinierte Jónína Mjöll Þormóðsdóttir und wurde zum Ausgangspunkt mehrerer Arbeiten.
Das weiße Gefieder steht dabei für die enge Verbindung zwischen Tierwelt und Umwelt. Gleichzeitig eröffnet es Fragen nach Verwandlung, Schutz und den natürlichen Kreisläufen der Jahreszeiten. Die Künstlerin überträgt diese Beobachtungen in eine eigene Formensprache, in der das Material selbst eine wesentliche Bedeutung erhält.
Kunst aus Federn und Jute: Dreidimensionale Strukturen
Für ihre Arbeiten steckt Jónína Mjöll Þormóðsdóttir einzelne Federn in Jute. Durch die Wiederholung dieser einfachen Handlung entstehen dichte, organisch wirkende Oberflächen und dreidimensionale Strukturen. Die Kombination der beiden Materialien ist dabei entscheidend.
Während Jute als grobes pflanzliches Gewebe eine feste Grundlage bildet, bringen die Federn Leichtigkeit, Bewegung und eine besondere Oberflächenwirkung in die Werke. Aus zahlreichen einzelnen Elementen entwickelt sich ein zusammenhängendes Gebilde. Die Arbeiten bewegen sich zwischen textilem Objekt, Relief und Skulptur. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall verändern sich ihre Strukturen und lassen unterschiedliche Assoziationen an natürliche Formen entstehen.
Meditation und Materialtransformation in der zeitgenössischen Kunst
Die Herstellung der Federarbeiten ist von einem langsamen, wiederholenden Arbeitsprozess geprägt. Das Einsetzen einzelner Federn in das Gewebe wird zu einer meditativen Tätigkeit, bei der sich die Beschaffenheit des Materials schrittweise verändert. Die Künstlerin nutzt diesen Prozess, um natürliche Stoffe in neue räumliche Zusammenhänge zu überführen. Dabei bleibt die ursprüngliche Herkunft der Materialien erkennbar.
Die Federn verweisen weiterhin auf die Tierwelt, während das Jutegewebe seine textile Struktur behält. Gerade aus diesem Zusammenspiel entsteht die besondere Wirkung der Arbeiten. Sie machen sichtbar, wie sich vertraute Materialien durch künstlerische Bearbeitung in eigenständige Objekte verwandeln lassen.
Botanischer Garten Akureyri als Inspirationsquelle
Neben der isländischen Tierwelt spielt die Pflanzenwelt eine zunehmend wichtige Rolle in Jónína Mjöll Þormóðsdóttirs Schaffen. Die Künstlerin arbeitet im Botanischen Garten „Lystigarður Akureyrar“ in ihrer Heimatstadt. Der Garten beherbergt zahlreiche Pflanzenarten und bietet die Möglichkeit, Wachstum, Blüte und jahreszeitliche Veränderungen aus unmittelbarer Nähe zu beobachten. Diese täglichen Erfahrungen fließen in ihre neueren Arbeiten ein.
Formen, Strukturen und Entwicklungsprozesse der Pflanzen werden zu Anregungen für neue künstlerische Experimente. Die Natur erscheint dabei nicht als statische Kulisse, sondern als fortlaufender Prozess von Wachstum, Veränderung und Vergänglichkeit.
Gerhard Marcks und die Verbindung von Natur und Skulptur
In ihren neueren Arbeiten bezieht Jónína Mjöll Þormóðsdóttir auch Werke des deutschen Bildhauers Gerhard Marcks (1889–1981) ein. Marcks zählt zu den bedeutenden deutschen Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst insbesondere figürliche Skulpturen, Zeichnungen und Druckgrafiken. Die Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten eröffnet einen Dialog zwischen unterschiedlichen künstlerischen Generationen und Ausdrucksformen.
Während Marcks vor allem für seine plastischen Darstellungen menschlicher und tierischer Körper bekannt ist, entwickelt Þormóðsdóttir ihre Formen aus natürlichen Materialien und textilen Strukturen. Die Verbindung beider Positionen lädt dazu ein, über das Verhältnis von Naturbeobachtung, Material und künstlerischer Formgebung nachzudenken.
Isländische Natur als Ausgangspunkt zeitgenössischer Kunst
Island ist durch ausgeprägte landschaftliche Gegensätze und starke jahreszeitliche Veränderungen geprägt. Vulkanische Landschaften, Gletscher, Küstenregionen und die besondere Pflanzen- und Tierwelt bilden einen vielfältigen Naturraum. Für Jónína Mjöll Þormóðsdóttir ist diese Umgebung nicht nur Inspirationsquelle, sondern Teil ihres künstlerischen Alltags.
Ihre Arbeiten entstehen aus der genauen Beobachtung kleiner Details, etwa der Struktur einer Feder oder der Form einer Pflanze. Indem sie diese Eindrücke in textile und plastische Objekte überträgt, lenkt sie den Blick auf Aspekte der Natur, die im Alltag leicht übersehen werden. Die Ausstellung verbindet damit persönliche Naturerfahrung mit Fragen nach Materialität, Transformation und künstlerischer Wahrnehmung.
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