Was bedeutet es, Mensch zu sein? Diese Frage steht im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung zwischen Francis Bacon und Pablo Picasso. Beide Maler veränderten die Darstellung des menschlichen Körpers im 20. Jahrhundert grundlegend. In einem Video erläutert Albertina-Direktor Ralph Gleis, wie Picasso den jüngeren Bacon beeinflusste, welche Rolle die Erfahrungen von Krieg und Gewalt in ihren Werken spielten und warum ihre Porträts bis heute faszinieren und verstören.
Picasso und Bacon: Zwei Wegbereiter der modernen figurativen Malerei
Pablo Picasso (1881–1973) und Francis Bacon gehören zu den einflussreichsten Vertretern der figurativen Kunst des 20. Jahrhunderts. Beide beschäftigten sich intensiv mit der menschlichen Gestalt, lösten sich jedoch von traditionellen Vorstellungen einer naturgetreuen Darstellung. Statt den Körper lediglich abzubilden, suchten sie nach neuen Möglichkeiten, innere Zustände, Emotionen und existenzielle Erfahrungen sichtbar zu machen.
Für Ralph Gleis, Direktor der Albertina, liegt darin die besondere Bedeutung beider Künstler. Sie entwickelten neue Ausdrucksmittel für eine jahrhundertealte Tradition der Kunstgeschichte: die Darstellung des Menschen. Dabei ging es ihnen nicht nur um formale Experimente. Ihre Werke stellen grundlegende Fragen nach Identität, Verletzlichkeit, Schmerz und menschlicher Existenz.
Wie Pablo Picasso den jungen Francis Bacon beeinflusste
Die Begegnung mit Picassos Kunst wurde für Francis Bacon zu einem entscheidenden Erlebnis. Als junger Mann sah Bacon in Paris Werke aus Picassos surrealistischer Schaffensphase. Die ungewöhnlichen Körperformen und die radikale Veränderung der menschlichen Figur hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Nach der Darstellung von Ralph Gleis erkannte Bacon in Picassos Bildern den Versuch, sichtbar zu machen, wie sich menschliche Existenz anfühlt.
Diese Auseinandersetzung wurde zu einem Ausgangspunkt für Bacons eigene künstlerische Entwicklung. Während Picasso den menschlichen Körper zerlegte und seine Bestandteile aus unterschiedlichen Perspektiven neu zusammensetzte, entwickelte Bacon eine andere Formensprache. Seine Figuren wirken häufig aufgelöst, verzerrt oder in Bewegung geraten. Körper und Gesichter scheinen zu zerfließen, statt sich zu einer stabilen Form zusammenzufügen. Trotz dieser Unterschiede verbindet beide Künstler das Bestreben, die menschliche Gestalt als Ausdruck innerer Erfahrungen neu zu interpretieren.
Der menschliche Körper zwischen Kubismus und Auflösung
Picassos künstlerische Entwicklung war wesentlich von der Auflösung traditioneller Perspektiven geprägt. Im Kubismus begann er, Gegenstände und Körper in geometrische Formen zu zerlegen und aus mehreren Blickwinkeln gleichzeitig darzustellen. Diese Bildsprache entwickelte er in späteren Schaffensphasen weiter.
Bacon griff die Möglichkeiten der Verformung auf, setzte jedoch andere Schwerpunkte. Seine Figuren erscheinen häufig isoliert, körperlich angespannt oder in einer räumlich schwer fassbaren Umgebung. Wo Picasso Körperformen konstruktiv neu ordnete, betonte Bacon ihre Instabilität und Verletzlichkeit. Die Gegenüberstellung ihrer Werke macht deutlich, wie unterschiedlich sich die moderne figurative Malerei entwickeln konnte, obwohl beide Künstler ähnliche Fragen beschäftigten.
Krieg, Gewalt und die Erschütterungen des 20. Jahrhunderts
Die beiden Weltkriege und die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts veränderten auch die europäische Kunst grundlegend. Überlieferte Vorstellungen von Fortschritt, Humanität und gesellschaftlicher Ordnung wurden durch Krieg, Verfolgung und Massenvernichtung erschüttert. Ralph Gleis sieht in dieser historischen Erfahrung einen wichtigen Hintergrund für die Suche nach einer neuen Darstellung des Menschen. Picasso und Bacon reagierten auf unterschiedliche Weise auf eine Welt, in der traditionelle Bildformen zunehmend unzureichend erschienen, um Gewalt und menschliches Leid auszudrücken.
Beide Künstler setzten sich zudem mit ihrer religiösen Prägung auseinander. Sie waren in katholisch geprägten Umfeldern aufgewachsen und beschäftigten sich in ihren Werken immer wieder mit Motiven, die an religiöse Bildtraditionen erinnern. Besonders bei Bacon erhielten solche Motive eine neue, häufig verstörende Bedeutung.
Picassos „Guernica“: Kunst als Ausdruck von Schmerz und Leid
Ein zentrales Beispiel für Picassos Auseinandersetzung mit Gewalt ist sein berühmtes Gemälde Guernica. Picasso schuf das monumentale Werk 1937 als Reaktion auf die Bombardierung der baskischen Stadt Gernika während des Spanischen Bürgerkriegs. Das Gemälde zeigt verzerrte menschliche und tierische Figuren, deren Körper von Angst, Schmerz und Zerstörung geprägt sind. Anstelle einer realistischen Kriegsszene entwickelte Picasso eine symbolisch verdichtete Darstellung des Leidens. Damit knüpfte er einerseits an die Tradition historischer Schlacht- und Kriegsbilder an, veränderte aber zugleich deren künstlerische Ausdrucksmittel grundlegend.
In der von Gleis vorgestellten Ausstellung ist auch eine Variation des berühmten Motivs zu sehen. Für den Albertina-Direktor zeigt sich hier eine wichtige Verbindung zu Bacon: Die deformierten Körper werden zu unmittelbaren Ausdrucksträgern menschlichen Schmerzes. Picasso erscheint damit nicht nur als Künstler voller Experimentierfreude und Lebensenergie, sondern auch als Chronist der Gewalterfahrungen seines Jahrhunderts.
Dora Maar: Wie Picasso das Porträt neu erfand
Besonders deutlich wird die künstlerische Verbindung zwischen Picasso und Bacon in ihren Porträts. Picasso entwickelte vielfältige Möglichkeiten, ein Gesicht gleichzeitig aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen. Eine wichtige Rolle spielen dabei seine Bildnisse von Dora Maar, der französischen Fotografin und Künstlerin, mit der Picasso über mehrere Jahre eine Beziehung führte.
In diesen Werken verändert Picasso die traditionellen Regeln der Porträtmalerei. Augen, Nase und Mund erscheinen verschoben oder aus verschiedenen Blickwinkeln zusammengesetzt. Das Gesicht wird nicht mehr als unveränderliche äußere Erscheinung gezeigt, sondern als komplexe Bildstruktur.
Die Ausstellung präsentiert mehrere Darstellungen Dora Maars und macht so Picassos unterschiedliche Lösungen für die Darstellung des menschlichen Antlitzes nachvollziehbar. Die radikalen Verformungen standen zugleich im Gegensatz zum nationalsozialistischen Kunstverständnis, das zahlreiche Werke der modernen Kunst als „entartet“ diffamierte.
Francis Bacons Triptychen: Ein Gesicht, viele Gemütszustände
Francis Bacon entwickelte die Idee einer vielschichtigen Darstellung des Menschen auf eigene Weise weiter. Besonders deutlich wird dies in seinen Triptychen, also dreiteiligen Bildwerken. Darin zeigt Bacon häufig unterschiedliche Ansichten einer Person oder variiert einzelne Gesichtszüge und Körperformen. Die Veränderungen lassen sich als Ausdruck wechselnder emotionaler und psychischer Zustände verstehen.
Statt eine Person in einer einzigen, festgelegten Ansicht zu präsentieren, untersucht Bacon die Vielschichtigkeit menschlicher Identität. Ralph Gleis verweist darauf, dass sich in dieser Arbeitsweise der Einfluss Picassos erkennen lässt. Bacon übernahm jedoch nicht einfach dessen Bildsprache. Er entwickelte daraus eine eigenständige Malerei, in der körperliche Verformung, Bewegung und psychologische Spannung besonders stark hervortreten.
Picasso und Bacon in der Albertina: Was bedeutet es, Mensch zu sein?
Die Gegenüberstellung der beiden Künstler verdeutlicht, wie eng ihre Werke trotz aller stilistischen Unterschiede miteinander verbunden sind. Picasso zerlegt und rekonstruiert den Körper. Bacon lässt ihn verschwimmen, verzerrt ihn und stellt seine Verletzlichkeit heraus. Beide entfernen sich damit von einer rein äußerlichen Darstellung des Menschen. Ihre Gemälde können verstören, irritieren und zum Nachdenken anregen. Gleichzeitig zeigen sie, wie vielfältig die Möglichkeiten figurativer Malerei im 20. Jahrhundert geworden sind.
Für Ralph Gleis liegt die besondere Kraft dieser Kunst in ihrer unmittelbaren Wirkung. Die Bilder von Picasso und Bacon konfrontieren die Betrachtenden mit Fragen nach Schmerz, Identität, Gewalt und Menschlichkeit. Die im Video vorgestellte Ausstellung macht diese Verbindung sichtbar und zeigt, wie aus Picassos künstlerischen Experimenten entscheidende Impulse für Bacons unverwechselbare Bildsprache entstanden.
Ausstellung „Picasso – Bacon“ in der Albertina Wien
Die Ausstellung „Picasso – Bacon. What It Feels Like to Be Human“ ist vom 18. September 2026 bis zum 31. Januar 2027 in der Albertina Wien zu sehen.
Rund 70 Schlüsselwerke aus internationalen Museen und Privatsammlungen verdeutlichen die künstlerischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Maler. Zu den ausgestellten Arbeiten gehören Picassos Mutter und Kind (Studie zu Guernica) von 1937 sowie Bacons Drei Studien der Isabel Rawsthorne von 1967.
Mehr unter: albertina.at






