Alois Neuhold – „Sonnentropfen am Zerrissbild der Welt“ im Spiegelgitterhaus Gleisdorf

Gewalt, Krieg, Verletzlichkeit und die Sehnsucht nach einer friedlicheren Welt prägen das künstlerische Schaffen von Alois Neuhold seit Jahrzehnten. Anlässlich seines 75. Geburtstags widmet das Spiegelgitterhaus in Gleisdorf dem österreichischen Künstler die Herbst-Winter-Ausstellung „Sonnentropfen am Zerrissbild der Welt“. Sie stellt frühe Radierungen aus den 1980er-Jahren aktuellen Arbeiten gegenüber und zeigt, wie Neuhold auf gesellschaftliche Krisen, Klimawandel und menschliche Sehnsüchte reagiert. Bei der Ausstellungseröffnung am 16. Oktober 2026 würdigte Kurator Johannes Rauchenberger den Künstler und sein Werk.

Alois Neuhold: Ein eigenwilliger Künstler zwischen Gesellschaftskritik und Hoffnung

Der österreichische Künstler Alois Neuhold gehört zu den eigenständigen Positionen der österreichischen Gegenwartskunst. Obwohl er über Jahrzehnte ein umfangreiches Werk entwickelte, lebt und arbeitet er weitgehend zurückgezogen.

Anlässlich seines 75. Geburtstags im Jahr 2026 richtet die Ausstellung „Sonnentropfen am Zerrissbild der Welt“ den Blick auf zwei unterschiedliche Schaffensphasen. Im Mittelpunkt stehen frühe Radierungen aus den 1980er-Jahren sowie jüngste Arbeiten, in denen sich Neuhold erneut mit dem Menschen und dessen Verhältnis zur Welt auseinandersetzt. Die Gegenüberstellung macht deutlich, wie sich seine künstlerische Formensprache verändert hat, während grundlegende Fragen nach Gewalt, Mitgefühl, Natur und einem friedlichen Zusammenleben bestehen geblieben sind.

Frühe Radierungen aus den 1980er-Jahren: Bilder von Gewalt und Verletzlichkeit

Ein besonderer Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Neuholds frühen Radierungen. Die kleinformatigen, äußerst detailreichen Arbeiten entstanden zu Beginn der 1980er-Jahre und erregten im Umfeld der österreichischen Kunstbewegung der „Jungen Wilden“ Aufmerksamkeit. Auf engstem Raum entwickelte Neuhold komplexe Bildwelten, die mitunter erst bei genauer Betrachtung oder mithilfe einer Lupe vollständig erkennbar werden. Die Darstellungen erinnern an Wimmelbilder, in denen zahlreiche Figuren, Szenen und symbolische Elemente miteinander verbunden sind.

Inhaltlich beschäftigen sich die Radierungen mit Krieg, Gewalt, männlicher Dominanz, Leid und Grausamkeit. Zugleich formulieren sie eine Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaft: nach Liebe, Zärtlichkeit, einem respektvollen Umgang mit der Natur und einem friedlicheren Zusammenleben. Die Werke verbinden damit eine schonungslose Auseinandersetzung mit menschlicher Zerstörungskraft mit der Vorstellung, dass eine andere Welt möglich sein könnte.

Kunstsammler Erich Wolf bewahrte die frühen Radierungen

Eine besondere Bedeutung für die Ausstellung hat die Sammlung des Kunstsammlers Erich Wolf. Er erwarb sämtliche frühen Radierungen Neuholds und bewahrte damit einen wichtigen Werkkomplex aus dessen künstlerischer Entwicklung. Die Arbeiten dokumentieren eine Phase, in der Neuhold eine besonders dichte und erzählerische Bildsprache entwickelte.

Ihre zahlreichen Figuren und Motive laden dazu ein, immer neue Einzelheiten zu entdecken und die vielschichtigen Beziehungen zwischen den dargestellten Szenen zu untersuchen. Mehr als vier Jahrzehnte nach ihrer Entstehung erhalten die Radierungen durch die Gegenüberstellung mit aktuellen Werken eine neue Perspektive. Denn viele der damals behandelten Themen – Gewalt, gesellschaftliche Machtverhältnisse und die Sehnsucht nach Frieden – haben nichts von ihrer Aktualität verloren.

Neue Werke von Alois Neuhold: Der Mensch kehrt in die Bilder zurück

Nach einer Schaffensphase, in der Blumenbilder eine wichtige Rolle spielten, beschäftigt sich Neuhold in seinen jüngsten Arbeiten erneut verstärkt mit menschlichen Figuren. Häufig erscheinen Menschen als Paare. Sie wirken von Lebenserfahrungen geprägt und abgeklärt, bleiben jedoch zugleich offen, verletzlich und voller Sehnsucht.

Damit knüpft Neuhold an zentrale Themen seiner frühen Werke an, entwickelt jedoch eine veränderte Bildsprache. Während die Radierungen der 1980er-Jahre von dichten, teilweise drastischen Szenen bestimmt werden, treten in den neuen Arbeiten Fragen nach Nähe, Hoffnung und dem Zusammenleben stärker hervor. Die menschliche Figur wird erneut zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Zustand der Welt.

„Sonnentropfen“ als Antwort auf Krisen und Klimawandel

Der Ausstellungstitel „Sonnentropfen am Zerrissbild der Welt“ verweist auf das Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlicher Zerrissenheit und der Hoffnung auf Veränderung. Neuhold beschäftigt sich mit einer Gegenwart, die von Kriegen, ökologischen Krisen und einem verbreiteten Gefühl der Unsicherheit geprägt ist. Insbesondere die Folgen des Klimawandels werfen für ihn die Frage auf, wie Menschen künftig im Einklang mit der Natur leben können.

Seine künstlerische Antwort sind die „Sonnentropfen“. Sie lassen sich als Sinnbilder einer Haltung verstehen, die trotz aller Krisen an der Möglichkeit von Zuwendung, Hoffnung und einem respektvollen Umgang mit der Schöpfung festhält. Dabei bleibt Neuholds Werk nicht auf ernste oder bedrückende Themen beschränkt. Auch Humor, Fantasie und spielerische Elemente gehören zu seiner künstlerischen Ausdrucksweise.

Das Atelierhaus als Ausdruck einer künstlerischen Lebenshaltung

Neuholds Vorstellungen von einem Leben im Einklang mit der Natur zeigen sich nicht nur in seinen Bildern. Auch sein Atelierhaus ist Ausdruck seiner persönlichen und künstlerischen Haltung. Der ungewöhnliche Arbeits- und Lebensraum ist von zahlreichen kleinen Figuren und Bildgestalten bevölkert, die wie Bewohner einer eigenen fantasievollen Welt erscheinen.

Hinzu kommt ein schmaler Garten, den Neuhold in einen naturnahen Rückzugsort verwandelt hat. Atelier und Garten bilden damit eine Verbindung zwischen Kunst und Alltag. Sie verdeutlichen, dass sich Neuholds künstlerische Vorstellungen nicht ausschließlich auf die Leinwand oder das Papier beschränken, sondern auch seine persönliche Lebensweise prägen.

Johannes Rauchenberger würdigt Alois Neuhold in Gleisdorf

Bei der Eröffnung der Ausstellung am 16. Oktober 2026 im Spiegelgitterhaus Gleisdorf hielt Kurator Johannes Rauchenberger eine Ansprache über Alois Neuholds künstlerisches Schaffen. Im Mittelpunkt seiner Würdigung stand die Entwicklung des Künstlers von den frühen gesellschaftskritischen Radierungen bis zu den jüngsten Arbeiten. Die Gegenüberstellung zeigt, dass Neuhold über mehr als vier Jahrzehnte hinweg eine eigenständige Bildwelt geschaffen hat, in der gesellschaftliche Kritik und die Sehnsucht nach einer menschlicheren Welt eng miteinander verbunden sind.

Die Eröffnungsrede bietet damit einen kunsthistorischen Zugang zu Neuholds Werk und erläutert die zentralen Gedanken hinter dem Ausstellungstitel.

Spiegelgitterhaus Gleisdorf zeigt Kunst zwischen Weltkritik und Zuversicht

Mit „Sonnentropfen am Zerrissbild der Welt“ präsentiert das Spiegelgitterhaus eine Ausstellung, die verschiedene Generationen von Neuholds Kunst miteinander verbindet. Die frühen Radierungen dokumentieren seine intensive Auseinandersetzung mit Gewalt und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Die aktuellen Werke zeigen dagegen verstärkt Menschen, die trotz aller Erfahrungen und Krisen nach Nähe, Frieden und einem harmonischen Verhältnis zur Natur suchen. Gemeinsam entsteht ein Bild eines Künstlers, dessen Werk sich über Jahrzehnte verändert hat, ohne seine grundlegenden Fragen aufzugeben.

Die Videoaufzeichnung der Eröffnungsansprache von Johannes Rauchenberger vermittelt Einblicke in diese Entwicklung und stellt einen Künstler vor, der gesellschaftliche Missstände ebenso thematisiert wie die Möglichkeit einer hoffnungsvolleren Zukunft.

Mehr unter: kultum.at

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