Altägyptische Keramik – Sie sind die häufigsten Objekte in archäologischen Sammlungen – und die am wenigsten beachteten. Ein Vortrag am Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München plädiert leidenschaftlich für eine Neuentdeckung.
Die unterschätzten Zeugen des Alltags
Am 30. August 2026 lud Roxane Bicker, Wissenschaftlerin am Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München, zu einem ungewöhnlichen Vortrag ein: einer Liebeserklärung an die „alten Töpfe”. Keramik, so Bicker, sei zwar die mengenmäßig bedeutendste Objektgruppe in ägyptischen Museen – zugleich aber die am wenigsten ausgestellte und beachtete. Dabei erzählen Tonscherben und Gefäße wie kaum ein anderes Objekt vom Leben der Menschen im alten Ägypten: Manchmal tragen sie sogar noch die Fingerabdrücke ihrer Hersteller.
Gebrauchsware und Grabbeigabe – zwei verschiedene Welten
Der Vortrag, Teil der Reihe „Material und Technik”, führte das Publikum durch 5.000 Jahre ägyptischer Keramikgeschichte. Dabei machte Bicker eine grundlegende Unterscheidung: Neben der Alltagskeramik – für Bier, Wasser, Öl, Getreide und Schminkutensilien – existierte eine eigens für die Grabbeigabe hergestellte Keramik, die oft keinerlei Gebrauchsspuren aufweist. Die Ausstattung eines Grabes mit Keramik war dabei kein Zufall: Wenige, grobe Gefäße verwiesen auf einfache Verhältnisse, zahlreiche und hochwertige Stücke – mitunter ergänzt durch teure Steingefäße – auf hohen sozialen Rang.
Vom Nilton zum Merelton: Handwerk mit System
Ausführlich erläuterte Bicker die handwerklichen Grundlagen: Zwei Tonarten prägten die ägyptische Keramikproduktion – der leicht zugängliche Nilton und der aufwendig abzubauende Merelton aus der Wüste. Beide wurden durch Magerung mit Sand, Stroh oder zerkleinerter Altkeramik aufbereitet, um Risse beim Brand zu vermeiden. Die Formgebung reichte von der einfachen Handformung und der Wulsttechnik bis hin zur Töpferscheibe, die seit dem Alten Reich belegt ist – zunächst als einfache Drehscheibe, später als komfortablere Fußdrehscheibe. Brennöfen erreichten Temperaturen von bis zu 1.100 Grad Celsius.
Produktpiraterie vor 4.000 Jahren
Besonders aufschlussreich war Bickers Ausführungen zur „Produktpiraterie” im alten Ägypten. Ägyptische Handwerker imitierten systematisch fremde und teurere Materialien: Tongefäße ahmten Steingefäße aus Basalt, Schiefer oder Granit nach – bis hin zur Oberflächenbemalung, die Steinmaserungen täuschend echt wiedergab. Ausländische Gefäßformen aus Syrien, Zypern oder Mykene wurden übernommen und lokalen Bedürfnissen angepasst. Ein besonders kurioses Beispiel: Ein hölzernes Gefäß aus einem Grab imitiert in seiner Form eine Keramikkanne – und durch seine Bemalung wiederum ein Steingefäß. Dabei ist es gar nicht zu öffnen. Form, Material und Funktion klaffen vollständig auseinander. Bicker zog den Vergleich zur Gegenwart: Gefälschte Fußballtrikots und billige Elektronikimitate funktionierten nach demselben Prinzip – das Phänomen ist so alt wie der Handel selbst.
Keramik als Datierungsinstrument
Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Funktion von Keramik als präzises archäologisches Datierungsmittel. Die charakteristischen Wellenhenkelgefäße etwa, ursprünglich aus dem syrisch-palästinensischen Raum übernommen, durchliefen in Ägypten eine dokumentierte Entwicklung: Aus funktionalen Griffelementen wurden über Jahrhunderte hinweg reine Dekoration – bis schließlich nur noch ein kaum sichtbarer Strich am Gefäßhals an den ursprünglichen Henkel erinnerte. Anhand solcher Serien lassen sich Grabfunde auf Jahrzehnte genau datieren.
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