Baustellen-Holz und gebrauchte Rollwagen werden bei Johanna Charlotte Trede zu Skulpturen – nicht durch Veränderung, sondern durch Verschiebung. Ein Atelierbesuch im Rahmen der Ausstellung „Lebt und arbeitet in Wien”.
Formen sammeln statt Objekte
Johanna Charlotte Trede (geb. 1990, Freiburg im Breisgau) sammelt keine Kunstwerke – sie sammelt Formen. Fragmente, die an Gerüsten lehnen. Geometrische Überbleibsel abgerissener Gebäude. Dinge, die bereits von ihrem ursprünglichen Zweck losgelöst wirken, bevor die Künstlerin überhaupt Hand anlegt. In der Ausstellung „Lebt und arbeitet in Wien” in der Kunsthalle Wien zeigt Trede zwei neue Arbeiten, die exemplarisch für ihre Praxis stehen: eine Auseinandersetzung mit dem, was Dinge sind – und was sie werden können, wenn man sie verschiebt.
Stufen, die ins Nirgendwo führen
„Gegenstand zur einfachen Erhöhung” (2026) besteht aus Holzpaneelen, die auf Baustellen als behelfsmäßige Trittmöglichkeiten gedient haben. Grob gefertigt, ohne ästhetischen Anspruch, rein funktional. Im Ausstellungsraum der Kunsthalle Wien haben sie diesen Kontext verloren – und dadurch etwas gewonnen. Die Stufen führen vielleicht ins Nirgendwo, könnten aber auch als Hocker, kleine Tische oder schlicht als Hindernisse dienen. Was sie sind, entscheidet sich erst durch ihre Präsentation: Trede versteht die Arbeit erst durch ihren Kontext als abgeschlossen. Der Ausstellungsraum ist das letzte Material.
Rollwagen, die Welten verbinden
„Gegenstand zur einfachen Bewegung” (2026) bringt drei Rollwagen zusammen, die zuvor von sehr unterschiedlichen Menschen für sehr unterschiedliche Zwecke genutzt wurden: von Kunsttransporteurinnen, Schweißern, Marktverkäuferinnen, Schwimmbadpersonal. Ein und derselbe Gebrauchsgegenstand – und doch trägt jeder Wagen eine andere Geschichte, einen anderen Ort, andere Hände in sich. Trede interessiert sich dafür, wie diese disparaten Welten durch ein gemeinsames Objekt miteinander verbunden werden. Dabei betrachtet sie den Prozess der Beschaffung selbst als Teil der künstlerischen Arbeit: der Weg zum Objekt ist bereits Skulptur.
Bedeutung durch Verschiebung
Was Tredes Praxis auszeichnet, ist ihre konsequente Zurückhaltung. Sie verändert ihre Fundstücke kaum – sie verschiebt sie. Vom Baustellenboden in den Ausstellungsraum, von der Funktion in die Form, vom Gebrauch in die Betrachtung. Dabei stellt sie grundlegende Fragen: Wie aktivieren Objekte Räume? Wie organisieren sie Wahrnehmung neu? Und wo beginnt eine Skulptur?
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