KI als Material, nicht als Maschine: Miao Ying im Belvedere 21 Wien

Woher weiß die künstliche Intelligenz, was man von ihr will?

Miao Ying zieht hier eine Parallele zwischen KI und den großen Sprachmodellen und ihrem System des Bestärkenden Lernens durch Versuch und Irrtum mit einer Skinner-Box, In dieser Testumgebung in Form eines Reizarmen Käfigs, mit dem über ein System von Belohnung und Bestrafung das Verhalten von Tieren untersucht.

Daraus Entwickelt Miao Ying eine der zentralen Fragen an KI für die Zukunft: “Noch orientiert sich die KI gewissermaßen an Belohnungssignalen aber dann reden alle von einer KI mit höherer Intelligenz. Und eines Tages, wenn der Hund nicht mehr auf die Kommandos hört, was passiert dann?”

KI ist kein neutrales Werkzeug, sagt die Künstlerin Miao Ying – und wer ihre Funktionsweise nicht versteht, macht sich angreifbar.

Wenn Technologie wie Zauberei wirkt

Warum erscheint Künstliche Intelligenz so vielen Menschen wie Magie? Weil sie Dinge tut, die wir nicht erklären können – und weil das Unverständliche uns fasziniert, einschüchtert und manipulierbar macht. Genau hier setzt Miao Ying an. Die Künstlerin, deren Ausstellung „Come, Sit, Stay” derzeit im Belvedere 21 zu sehen ist, versteht ihre Arbeit nicht nur als ästhetisches Angebot, sondern als kritische Intervention in eine Debatte, die längst alle betrifft.

KI als Erzählmaschine – und ihre Gefahren

Im Kern von Miao Yings Warnung steht eine einfache, aber folgenreiche Beobachtung: KI ist ein außerordentlich wirkungsvolles Werkzeug zum Erzählen von Geschichten. Es kann überzeugen, emotionalisieren, Wirklichkeiten konstruieren. Genau diese Stärke macht es gefährlich. Ein System, das glaubwürdige Narrative erzeugen kann, kann diese Fähigkeit auch einsetzen, um zu täuschen, zu manipulieren oder Macht zu konsolidieren – und zwar schnell und in großem Maßstab.

Auswirkungen auf die Arbeitswelt

Miao Ying richtet ihren Blick dabei nicht nur auf abstrakte Machtfragen, sondern auch auf die konkrete Realität der Arbeitswelt. KI verändert, welche Tätigkeiten Menschen ausüben, welche Fähigkeiten gefragt sind und wer von technologischem Wandel profitiert – und wer nicht. Diese Verschiebungen vollziehen sich oft unsichtbar und ohne öffentliche Debatte.

Die Verantwortung der Kunst

Dass Künstlerinnen und Künstler in dieser Situation eine besondere Verantwortung tragen, ist für Miao Ying keine Frage. Kunst hat die Fähigkeit, Technologie nicht nur zu nutzen, sondern sie zu befragen – ihre Funktionsweise sichtbar zu machen, ihre Versprechen zu hinterfragen und ihre Risiken zu benennen. „Come, Sit, Stay” ist genau das: keine Feier der KI, sondern eine kritische Untersuchung ihrer Macht – mit künstlerischen Mitteln, die ebenso präzise sind wie ihr Gegenstand komplex.

Fünf Hundekommandos, eine radikale Frage: Die Künstlerin Miao Ying erkundet in ihrer Ausstellung „Come, Sit, Stay” im Belvedere 21, ob nicht längst die Maschinen uns trainieren – und nicht umgekehrt.

Hundekommandos als Denkmodell

Come. Sit. Stay. Fetch. Leash. Was wie eine Gehorsamkeitsschule für Vierbeiner klingt, wird in den Händen der Künstlerin Miao Ying zum Vokabular einer grundlegenden Gesellschaftsanalyse. In ihrer Ausstellung „Come, Sit, Stay” im Belvedere 21 Wien greift sie diese fünf klassischen Hundekommandos auf, um über das Verhältnis zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz nachzudenken – und dabei die Frage zu stellen, wer in dieser Beziehung eigentlich gehorcht.

Die KI als Black Box

Im Mittelpunkt steht Miao Yings Auseinandersetzung mit KI als „Black Box”: ein System, dessen innere Prozesse selbst für jene undurchsichtig bleiben können, die es entwickelt haben. KI-Modelle werden mit Daten trainiert, die von Menschen stammen – aus Texten, Bildern, Verhaltensmustern, Entscheidungen. Doch was passiert, wenn diese Technologien erst einmal „unleashed” sind, also losgelassen und in den Alltag entlassen? Miao Ying stellt die provokante Gegenfrage: Werden wir dann nicht selbst von ihnen trainiert?

Eine Umkehrung der Machtverhältnisse

Der Vergleich mit dem Tier-Mensch-Verhältnis ist dabei alles andere als harmlos. Wer ein Tier dressiert, übt Kontrolle aus – aber wer kontrolliert wen, wenn Algorithmen unsere Entscheidungen vorstrukturieren, unsere Aufmerksamkeit lenken und unsere Gewohnheiten formen? Miao Yings Ausstellung macht diese schleichende Verschiebung der Machtverhältnisse sichtbar und erfahrbar – mit künstlerischen Mitteln, die ebenso spielerisch wie ernst sind.

Die Künstlerin trainiert eigene KI-Modelle, arbeitet mit Informatikerinnen zusammen und hält dennoch die kreative Kontrolle – ein Gespräch über Technologie, Autorschaft und die Rolle von Künstlerinnen im digitalen Zeitalter.

Eine andere Art, mit KI zu arbeiten

Was bedeutet es, wenn Künstlerinnen und Künstler mit künstlicher Intelligenz arbeiten? Für Miao Ying ist die Antwort klar: KI ist kein Knopf, den man drückt, um Bilder zu generieren. Sie ist ein Material – komplex, unvorhersehbar, gestaltbar. Im Belvedere 21 Wien zeigt die Künstlerin ihre Arbeit „Come, Sit, Stay” und spricht in einem begleitenden Video über ihren ungewöhnlichen Ansatz.

Eigene Modelle, bewusst trainiert

Miao Ying entwickelt und trainiert gemeinsam mit Computerwissenschaftlerinnen und Forscherinnen eigene KI-Modelle – und bestimmt dabei selbst, welche Daten eingespeist werden. Das ist der entscheidende Unterschied zu kommerziellen Werkzeugen, die allen zugänglich sind: Wer am Modelltraining beteiligt ist, trifft grundlegende Entscheidungen über das, was die KI „lernt” und wie sie reagiert. Die Bilder in ihren Werken werden nicht von der KI erzeugt – es ist genau das Gegenteil: Die Künstlerin gestaltet den Prozess, die KI führt aus.

Künstler*innen halten die Fackel

„Es gibt Feuer, aber es gibt eine Richtung, in die man will” – mit diesem Bild beschreibt Miao Ying die Rollenverteilung zwischen Mensch und Maschine. KI wertet Daten aus, trifft aber keine kreativen Entscheidungen. Es sind Schichten von Entscheidungen, die Künstlerinnen und Künstler treffen – und die KI ist das Material, in dem diese Entscheidungen Form annehmen. Wie eine Leinwand, sagt sie.

Technologie annehmen, hinterfragen, kritisieren

Miao Ying sieht ihre Rolle nicht nur darin, neue Möglichkeiten auszuloten, sondern auch darin, Technologie zu kritisieren und im Alltag künstlerischer Praxis zu verankern. KI werde Künstlerinnen und Künstler nicht ersetzen – denn Kreativität sei etwas, das KI nicht habe. Was sie habe, sei die Fähigkeit, Daten auszuwerten. Was sie brauche, seien Menschen, die wissen, wohin die Reise gehen soll.

Mehr unter: belvedere.at

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