Atelierbesuch bei Jojo Gronostay

Dead White Men’s Clothes heißt das Label, mit dem Jojo Gronostay Kunstmarkt, Modeindustrie und globale Warenströme gleichermaßen befragt. In der Kunsthalle Wien zeigt er, wie viel Geschichte in einem gebrauchten T-Shirt steckt.

Ein Modelabel als Kunstwerk

Der Name sagt bereits alles – und nichts: „Dead White Men’s Clothes” (DWMC) ist das Modelabel von Jojo Gronostay (geb. 1988, Hamburg). Doch es ist zugleich weit mehr als ein Label: Es ist ein Kunstwerk, ein Experiment und eine Gesellschaftsanalyse in Textilform. Gronostay verwendet bewusst hybride Materialien – abgeänderte Secondhand-Kleidung, gescannte und neu bedruckte Stoffe, umgenutzte und wiederverwendete Gegenstände –, die er von Straßenmärkten in den Ausstellungsraum bringt. Seine Werke sind derzeit in der Ausstellung „Lebt und arbeitet in Wien” in der Kunsthalle Wien zu sehen.

Geschichten, die Stoffe tragen

Jedes Objekt in Gronostays Arbeiten trägt die Spuren seiner Vorgeschichte in sich: die Hände, durch die es gegangen ist, die Märkte, auf denen es lag, die Wege, die es zurückgelegt hat. Die Werke zeichnen dabei mindestens eine Reise nach – von Accra bis nach Wien. Diese Route ist kein Zufall: Sie verweist auf den globalen Secondhand-Kleiderhandel, bei dem Altkleiderspenden aus Europa und Nordamerika massenhaft nach Afrika exportiert werden, dort lokale Textilindustrien unter Druck setzen und auf Straßenmärkten ein zweites, drittes, viertes Leben führen – bevor sie möglicherweise wieder zurückwandern.

Upcycling als künstlerische Methode

Für die im Rahmen der Ausstellung neu entstandenen Arbeiten „Untitled” (2026) verwendet Gronostay recycelte Siebdrucke aus seinem Modelabel. Malerei wird hier zur Upcycling-Methode – und Kunst selbst zur Upcycling-Industrie schlechthin erklärt. Eine These, die provoziert: Ist der Kunstmarkt nicht auch eine Form der Wertzuschreibung durch Verschiebung und Wiederverwendung?

Kleiderständer als Skulpturen

Besonders eindrücklich sind die beiden Arbeiten „Structure 01″ und „Structure 02″ (beide 2026): Handelsübliche Kleiderständer werden zu Skulpturen umgewandelt. Das recycelte Objekt ist hier zugleich Material und Methode – und zeichnet in seiner schieren Form die tatsächlichen Bewegungen von Wert und Begehren zwischen Kontinenten nach. Was trägt Kleidung, wenn sie keine Menschen mehr trägt? Gronostay gibt darauf eine ebenso poetische wie politische Antwort.

Mehr unter: kunsthallewien.at

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