Leinwand als Rohstoff, Schere als Werkzeug, Zufall als Mitautorin: Die Wiener Künstlerin Katharina Schilling entwickelt eine Malerei, die klassische Vorstellungen von Autorschaft und Kontrolle konsequent unterläuft.
Malerei als Prozess, nicht als Produkt
Wer das Atelier von Katharina Schilling betritt, erlebt Malerei als etwas fundamental anderes als das, was man gemeinhin darunter versteht. Keine Staffelei, kein gezielter Pinselstrich auf einer bereiteten Leinwand. Stattdessen: ein Prozess aus Aneignung, Fragmentierung und Rekontextualisierung, bei dem das Endresultat nie vollständig vorhersehbar ist. Schillings Arbeiten sind derzeit im Rahmen der Gruppenausstellung „Lebt und arbeitet in Wien: Contemporary Art from Vienna” in der Kunsthalle Wien zu sehen.
Pigment, Leim, Zufall – und die Schere
Am Anfang steht die ungrundierte Leinwand. Schilling bearbeitet sie mit Pigmenten, die mit Leim angemischt werden – ein Verfahren, das der Oberfläche erlaubt, ein Eigenleben zu entwickeln. Materialeigenschaften und Zufall bestimmen mit, was entsteht. Doch damit ist der Prozess noch nicht abgeschlossen: Die Leinwand wird zerschnitten und in einer neuen Konfiguration wieder zusammengenäht. Die finale Form ist das Ergebnis eines Dialogs – zwischen der Künstlerin, dem Material und dem Unvorhergesehenen.
Streichhölzer, Scheren, Eier: Das Figurative als Schwelle
In einem zweiten Schritt fügt Schilling figurative Elemente hinzu: Alltagsgegenstände wie Streichhölzer, Scheren oder Eier tauchen auf der Leinwand auf und schweben dabei in einem seltsamen Zwischenraum – zwischen Abstraktion und Wiedererkennung, zwischen Motiv und Bedeutungslosigkeit. Diese Objekte sind nicht illustrativ gemeint. Sie destabilisieren das Bild, ohne es aufzulösen.
Autorschaft als kollektives Feld
Was Schillings Praxis besonders auszeichnet, ist ihre theoretische Dimension. Mit Bezug auf vormoderne Bildtraditionen – in denen Werkstätten, nicht Einzelpersonen, Kunstwerke hervorbrachten – hinterfragt sie das moderne Ideal der singulären Künstlerin. Ihr Prozess destabilisiert bewusst die Vorstellung, dass ein Werk einem einzigen Willen entspringt. Malerei wird so zu einem geteilten, sich entwickelnden Feld – offen für Vielstimmigkeit, Kontinuität und das Unverfügte.
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