Vierzig Stimmen im Raum und ein Dialog zwischen Expressionismus und Gegenwart – das Kunstmuseum Ravensburg zeigt zwei Ausstellungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch eine gemeinsame Frage stellen: Wie erleben wir Kunst mit allen Sinnen und über die Zeit hinweg?
Janet Cardiff: Wenn vierzig Stimmen einen Raum füllen
Vierzig Stimmen, vierzig Lautsprecher, ein einziger Raum – und ein Hörerlebnis, das sich mit jeder Bewegung verändert. Die kanadische Künstlerin Janet Cardiff zählt zu den bedeutendsten Klangkünstlerinnen der Gegenwart, und ihre Installation „The Forty Part Motet” (2001) gilt als eines der eindringlichsten Werke ihrer Art.
Cardiff nahm für die Arbeit die Stimmen der Sängerinnen und Sänger auf getrennten Tonspuren auf und lässt jede einzelne Stimme über einen der vierzig im Oval angeordneten Lautsprecher erklingen. Die Grundlage bildet „Spem in Alium” (um 1570) von Thomas Tallis – ein vierzigstimmiges Renaissancemotett, das Cardiff als räumliche Klangskulptur neu erfahrbar macht.
Was das Erlebnis besonders macht: Es gibt keine feste Hörperspektive. Wer sich durch den Raum bewegt, bestimmt sein Hörerlebnis selbst – mal nah an einer einzelnen Solostimme, mal eingetaucht in die volle Wucht der Gesamtkomposition. Intimität und Raumgewalt, Konzentration und Überwältigung wechseln sich ab.
Zeitfragen: Wenn Expressionismus auf Gegenwartskunst trifft
Die zweite Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg schlägt einen anderen, aber ebenso einladenden Weg ein. „Zeitfragen. Sammlung trifft Gegenwart” bringt ausgewählte Werke der Sammlung Selinka – mit Schwerpunkt auf dem deutschen Expressionismus des 20. Jahrhunderts – in einen Dialog mit zeitgenössischen künstlerischen Positionen.
Der Expressionismus entstand in Zeiten politischer Umbrüche, gesellschaftlicher Erschütterungen und künstlerischer Neuerfindung. Die Ausstellungsreihe nutzt genau diese historische Aufgeladenheit, um Fragen zu stellen, die bis heute aktuell sind: Was verbindet verschiedene Generationen von Künstlerinnen und Künstlern? Wo verlaufen Brüche? Und welche gesellschaftlichen Narrative prägen unsere Wahrnehmung von Kunst – damals wie heute?
Die Gegenüberstellung von Historischem und Aktuellem lädt zu einem spielerischen, aber auch kritischen Blick ein – auf die Sammlung, auf die Gegenwart und auf das, was zwischen beiden liegt.
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