Anziehend und abstoßend zugleich: Sue Williams unterwandert im Belvedere 21 die Erwartungen an die Malerei. Was auf den ersten Blick wie ein Spiel aus Farbe und Form wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein subversives Geflecht aus Macht, Sexualität und Gewalt.
Mitte der 1990er Jahre vollzog Sue Williams einen radikalen Bruch in ihrem Schaffen. Narrative Strukturen und Textelemente, die zuvor ihre Arbeiten prägten, traten in den Hintergrund. Stattdessen verselbständigten sich Körperfragmente auf meist einfarbigen Gründen. Williams wandte sich dem „malerischen Selbst“ zu – dem Pinselstrich, dem Tempo und der Wiederholung –, um großformatige, bildfüllende Kompositionen zu schaffen.
Das Obszöne im Liniengeflecht
Doch die Abstraktion bei Sue Williams ist trügerisch. Wer den schwungvollen, fast kalligraphischen Linien folgt, stößt unweigerlich auf verzerrte Körperteile, Geschlechtsorgane und obszöne Anspielungen, die aus dem Geflecht hervorblitzen. Die Gemälde spielen meisterhaft mit dem Kontrast zwischen visueller Verlockung und tiefem Unbehagen. Es ist eine „ironische Infiltration des Kanons“, die den Betrachter zwischen Verführung und Abstoßung schwanken lässt.
Lustvolle Reduktion
In ihren neueren Arbeiten dominiert die expressive Linie in intensiver Farbigkeit. Williams treibt die Reduktion ihrer Bildsprache energisch voran, mit dem erklärten Ziel, „angenehme Linien“ zu schaffen. Diese markanten Pinselzüge in grellen Farbkontrasten durchmessen die Leinwände mit einem Selbstbewusstsein, das die physische Geste der Künstlerin direkt spürbar macht.
Bruch mit der Erwartung
Die großformatigen Setzungen im Belvedere 21 zeigen eine Künstlerin, die sich vermeintlich von jeglichem Wirklichkeitsbezug befreit hat – und doch bleibt die Körperlichkeit jeder Geste eingeschrieben. Sue Williams bricht bewusst mit den Erwartungen des Publikums und beweist, dass Malerei auch dann politisch und körperlich bleibt, wenn sie sich hinter der Schönheit der Abstraktion verbirgt.
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