Honoré Daumier: Der scharfzüngige Chronist von Paris in der Albertina

Revolutionen, technischer Fortschritt und der Kampf gegen die Zensur: Das Werk von Honoré Daumier ist ein Spiegelbild des turbulenten 19. Jahrhunderts. Die Albertina in Wien widmet dem „Künstler der Künstler“ eine umfassende Schau, die zeigt, dass seine Karikaturen weit mehr waren als bloßer Spott.

Honoré Daumier (1808–1879) lebte in einer Ära der Umbrüche. Während Eisenbahnen und Fotografie die Welt veränderten, kämpfte er mit den Mitteln der Kunst für republikanische Ideale. Sein Einsatz für die Pressefreiheit war so radikal, dass er für seine herrschaftskritischen Publikationen sogar im Gefängnis landete.

Die Birne als Symbol des Widerstands

In einer Zeit strenger Zensur erfand Daumier eine eigene Bildsprache. Da direkte Darstellungen des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe verboten waren, wurde die Birne zum visuellen Code für den Monarchen. Besonders berühmt ist sein Werk „Gargantua“, in dem der birnenköpfige Riese das Geld seiner Untertanen verschlingt – eine Karikatur, die noch vor ihrer Veröffentlichung verboten wurde.

Der „Gesetzgebende Bauch“

Ein weiteres Highlight der Ausstellung ist der „Ventre Législatif“ (Der gesetzgebende Bauch). Daumier zeigt hier Parlamentarier in ihrer ganzen Trägheit: schlafend, sich schneuzend oder faul flätzend. Technisch besticht das Blatt durch seine meisterhaften Abstufungen von Grautönen in der Lithografie. Als Vorlage für diese Zeichnungen schuf Daumier kleine Charakterköpfe aus Ton, die ebenfalls in der Albertina zu sehen sind.

Zwischen Politik und Pariser Alltag

Wenn die politische Zensur zu stark wurde, widmete sich Daumier dem Pariser Bürgertum. Seine Serien zeigen:

  • Menschliche Facetten: Übernächtigte Eltern, Badende oder Zugreisende werden mit einem scharfen, aber oft auch mitfühlenden Blick dargestellt.
  • Die Kunst der Betrachtung: Daumier war selbst ein leidenschaftlicher Beobachter und malte Szenen von Kunstliebhabern, die tief in grafische Blätter versunken sind.

Ein Künstler für Künstler

Obwohl ihm der finanzielle Erfolg zeitlebens versagt blieb, wurde er von Kollegen wie Degas oder Cézanne bewundert. Seine freie Malweise und die starken Hell-Dunkel-Kontraste machen ihn zu einem Wegbereiter der Moderne. Für Daumier war die Karikatur nicht nur Kunst, sondern die Erfüllung seiner „Bürgerpflicht“.

Mehr unter: albertina.at

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