Im Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg steht ein Objekt, das wie kaum ein anderes Schaudern und Faszination zugleich auslöst. Die Guillotine ist nicht nur ein Instrument des Todes, sondern auch ein Zeugnis für den widersprüchlichen Glauben an einen „humanen“ Fortschritt.
Die Guillotine kam im März 1881 als Schenkung des königlichen Staatsarchivs Amberg nach Nürnberg. Das Museum war interessiert, da ein solches Objekt in der Sammlung noch fehlte – obwohl das gelieferte Exemplar unvollständig war: Es fehlten das Zugseil, der Tisch für die Verurteilten und das gesamte Schafott.
Die Illusion der Humanität
Entgegen der landläufigen Meinung ist das Fallbeil keine Erfindung der Französischen Revolution. Ähnliche Vorrichtungen wie das „Fallbeil von Halifax“ oder die „Schottische Maiden“ existierten bereits seit dem 13. und 16. Jahrhundert.
Doch 1789 gab der französische Arzt Joseph-Ignace Guillotin der Maschine einen neuen ideologischen Überbau. Sein Ziel war:
- Gleichheit (Egalität): Vor der Revolution unterschieden sich Hinrichtungen stark nach Stand und Region. Ein Adliger wurde anders hingerichtet als ein Bauer. Die Guillotine sollte alle Menschen vor dem Gesetz – und dem Beil – gleichmachen.
- Humanität: Die Hinrichtung sollte schneller, schmerzbefreiter und „effizienter“ erfolgen.
- Kuriose Randnotiz: Gebaut wurde die erste offizielle Guillotine schließlich von einem deutschen Klavierbauer namens Tobias Schmidt.
Vom Fortschritt zum mechanischen Töten
Was als humanitärer Fortschritt gedacht war, wandelte sich in der Zeit des revolutionären Terrors in sein Gegenteil. Die Maschine ermöglichte ein entmenschlichtes, maschinelles Töten in großem Stil – Schätzungen gehen von bis zu 20.000 Opfern allein in dieser Phase aus.
Die Todesstrafe mittels Guillotine blieb in Europa noch lange in Gebrauch. In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Todesstrafe erst 1949 abgeschafft, in der DDR 1987 und in Frankreich 1981.
Ein Objekt im Wandel
Für das Museum bietet die Guillotine heute die Möglichkeit, über die Rolle der Staatsmacht und die Psychologie der Massen nachzudenken. Öffentliche Hinrichtungen waren damals soziale Ereignisse, die zwischen Mitleid, Gemeinschaftsgefühl und der „Freude am Grauen“ schwankten.
Aufgrund von Sanierungsarbeiten im GNM muss die Guillotine derzeit abgebaut werden. Dies bietet den Forschern die Chance, das Objekt genauer zu untersuchen und offene Fragen zu seiner Herkunft zu klären. Die Suche nach einem neuen Aufstellungsort gestaltet sich jedoch schwierig – nicht nur wegen der Größe der Maschine, sondern auch wegen der Herausforderung, sie in den richtigen inhaltlichen Kontext zu setzen.
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