Ziamliačka: Wenn die Heimat im Flakon konserviert wird

Wie viel wiegt Erinnerung? Für die Künstlerin Cemra sind es exakt 225 Kilogramm. Ihr Projekt „Ziamliačka“ – ein belarussischer Begriff für „eine Frau vom gleichen Boden“ – ist eine radikale Auseinandersetzung mit Vertreibung, Grenze und der Suche nach Identität. Im Kunsthaus Graz wird diese emotionale Last nun in einer minimalistischen und doch hochpolitischen Installation sichtbar.

Der Ursprung des Werks liest sich wie ein politischer Krimi: Der verbotene Transport von fast einer Vierteltonne belarussischer Erde über die Grenze nach Polen. Diese Erde ist für Cemra kein bloßes Material, sondern ein „politischer Körper“, der Zeugnis über Herkunft und Verlust ablegt.

Das olfaktorische Archiv der Heimat

In einem monatelangen, fast alchemistischen Prozess hat die Künstlerin die Essenz aus dieser Erde extrahiert. Das Ergebnis ist eine Installation, die mit der Abwesenheit und dem Verborgenen spielt:

  • Der Glaskubus: Die 225 kg Erde werden in einem strengen, minimalistischen Glaskubus präsentiert. Sie ist das physische Fundament, das nun isoliert im musealen Raum steht.
  • Das Extrakt: In einem handgeblasenen Flakon ruht der gewonnene Duft der Heimat. Das Paradoxe: Der Duft ist zwar physisch präsent, bleibt für die Besucher jedoch hinter Glas verborgen und somit unriechbar.
  • Das Archiv: Die Arbeit dient als „olfaktorisches Archiv“ für Menschen im Exil. Sie konserviert einen Sinneseindruck, der untrennbar mit der eigenen Herkunft verbunden ist, im Alltag der Fremde jedoch verblasst.

Erde als politisches Statement

Cemra macht mit „Ziamliačka“ deutlich, dass Boden niemals neutral ist. In Zeiten globaler Fluchtbewegungen und geschlossener Grenzen wird die Erde selbst zum Grenzgänger:

  • Zugehörigkeit: Das Projekt thematisiert die Kraft, die aus dem Boden der eigenen Herkunft erwächst, und die Leere, die sein Verlust hinterlässt.
  • Transformation: Durch die Verwandlung von schwerer Materie (Erde) in ein flüchtiges Medium (Duft) übersetzt Cemra persönlichen Schmerz in ein kollektives Erlebnis.

Die Installation im Kunsthaus Graz fordert dazu auf, über die Bedeutung von „Heimat“ nachzudenken – nicht als Ort auf einer Landkarte, sondern als etwas, das man unter den Fingernägeln, im Herzen oder eben in einem winzigen Flakon mit sich trägt.

Produktion: Simon Reithofer

Mehr unter: www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

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