Das Museum Reinhard Ernst (mre) in Wiesbaden präsentiert eine spektakuläre Deutschland-Premiere: Die Retrospektive des österreichischen Meisters der Abstraktion, Wolfgang Hollegha. Unter dem bezeichnenden Titel „Denk nicht, schau!“ lädt die Ausstellung dazu ein, sich vollkommen in der Dynamik und Leuchtkraft seiner monumentalen Leinwände zu verlieren.
Wer die Welt von Wolfgang Hollegha (1929–2023) verstehen will, muss den Weg in die Stille suchen. Nach einem Aufenthalt im pulsierenden New York der späten 50er Jahre traf Hollegha eine radikale Entscheidung: Er zog sich in ein einsames Atelier in den steirischen Wäldern zurück, um den maximalen Fokus auf seine Malerei zu finden.
Vom Gegenstand zur reinen Form
Obwohl Holleghas Werke auf den ersten Blick vollkommen abstrakt wirken, ist ihre Grundlage immer das Sichtbare. Ein simpler Korb, ein Rindenschiffchen oder alltägliche Naturbeobachtungen dienten ihm als Ausgangspunkt.
- Abstraktion statt „Geschmiere“: Für Hollegha war dieser Bezug zur Realität essenziell, um Willkür zu vermeiden. Er baute Formen auf, veränderte Proportionen und destillierte das Wesen der Dinge in Farbe.
- Malen in der Horizontalen: In seinem riesigen Atelier verzichtete er auf Staffeleien. Er malte auf horizontalen Platten, um die Kontrolle über seine extrem dünnflüssigen Farben zu behalten. Um seine Werke mit Abstand zu betrachten, baute er sich eine Art „Hochsitz“ im Atelier.
Ein Dialog mit der Weltspitze
Das Museum Reinhard Ernst nutzt seinen starken Schwerpunkt auf amerikanische Abstraktion, um Hollegha in einen spannenden Kontext zu setzen.
- New Yorker Einflüsse: Die Schau zeigt Parallelen zu Künstlern wie Jackson Pollock und Helen Frankenthaler, die Hollegha während seiner Zeit in New York kennenlernte.
- Der „Henkel“: Ein besonderes Highlight ist das Werk „Der Henkel“, das einst den einflussreichen Kritiker Clement Greenberg begeisterte und auf der documenta zu sehen war.
Ein Abenteuer für die Augen
Die Ausstellung ist ein visuelles Erlebnis, das gute Laune macht. Die riesigen Formate und die Leuchtkraft der Farben auf weißem Grund wirken so frisch, als wären sie gerade erst vollendet worden. Es ist eine Einladung, unsere oft banale Wirklichkeit mit neuen, wertschätzenden Augen zu betrachten.
Um die gewaltigen Bilder überhaupt aus seinem abgelegenen „Schatzhaus“ im Wald in die Welt zu bringen, musste Hollegha übrigens bauliche Vorkehrungen treffen: Ein spezieller Schlitz in der Architektur seines Ateliers diente als „Durchreiche“ für die monumentalen Leinwände.
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