Was sieht ein Stoffwechselforscher in der Kunst? Marc Tittgemeyer und sein Gastkommentar zur Städel Sammlung

Marc Tittgemeyer vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung schaut sich drei Werke aus dem Städel Museum an – und entdeckt dabei Nahrung, Körper und Stoffwechsel als verborgene Motive der Kunstgeschichte.

Ein Forscher betritt das Museum

Was sieht ein Stoffwechselforscher, wenn er Gemälde betrachtet? Andere Dinge als ein Kunsthistoriker – das ist die schlichte und zugleich faszinierende Prämisse der Reihe „Gastkommentar” des Städel Museums. Marc Tittgemeyer, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln, nimmt drei Werke aus der Sammlung unter die Lupe und eröffnet dabei eine Perspektive, die so in keinem Katalogtext steht.

Stillende Gottesmutter: Nahrung als göttliche Gabe

Den Anfang macht die „Stillende Gottesmutter” (ca. 1428–1430) aus der Werkstatt des Meisters von Flémalle (Robert Campin). Was fromme Malerei des späten Mittelalters auf den ersten Blick zeigt – Maria, die das Christuskind stillt – wird für den Stoffwechselforscher zum Ausgangspunkt einer Reflexion über Nahrung als elementare Lebensgrundlage: Muttermilch als erste und vollständigste Nahrung, Stillen als biologischer Akt, der in der Kunst zur Ikone wurde.

Adam und Eva: Der Körper und seine Bedürfnisse

Franz von Stucks „Adam und Eva” (ca. 1920) führt Tittgemeyer zu grundsätzlicheren Fragen: Was bedeutet es, einen menschlichen Körper zu haben – mit all seinen Bedürfnissen, Trieben und Abhängigkeiten vom Stoffwechsel? Das Motiv des Sündenfalls, des verbotenen Essens und seiner Folgen lädt zur Reflexion darüber ein, wie eng Nahrung, Körper und kulturelle Deutung miteinander verwoben sind.

A. R. Penck: Gesellschaft und kollektiver Stoffwechsel

Den Abschluss bildet A. R. Pencks „Projekt Paulskirche” (1987) – ein politisch aufgeladenes Werk, das Tittgemeyer aus einer systemischen Perspektive betrachtet. Wie funktionieren Gesellschaften als kollektive Organismen? Und was hat der Stoffwechsel eines Einzelnen mit dem „Stoffwechsel” eines sozialen Systems zu tun?

Kunst anders sehen

Die Reihe „Gastkommentar” zeigt, was Kunstwerke leisten können, wenn sie aus ungewohnten Perspektiven betrachtet werden. Der Blick des Wissenschaftlers macht sichtbar, was dem kunsthistorisch geschulten Auge verborgen bleibt – und umgekehrt. Ein Gespräch zwischen den Disziplinen, das beide Seiten bereichert.

Mehr unter: staedelmuseum.de

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